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Henri-Frédéric Amiel

»Schicken Sie, soviel sie können!« orderte der Pariser Literaturkritiker Edmond Schérer nach Genf, als er eine Nacht lang über den Tagebüchern Henri Frédéric Amiels gebrütet hatte. Was Amiels Freundin Fanny Mercier da in karger Auswahl und säuberlicher Abschrift vorlegte, zeigte ihm den verstorbenen Jugendfreund in einem ganz neuen, geradezu sensationellen Licht. Während »tout Genève« sich über den trockenen Philosophieprofessor und mittelmässigen Verseschmied mokiert hatte, war Amiel also Tag für Tag vor den Heften eines ins Uferlose wachsenden journal intime gesessen und hatte, obschon oder gerade weil sein eigenes privates und berufliches Scheitern Gegenstand des Nachsinnens war, dem menschlichen Denken und Fühlen in bisher unerschlossene Tiefendimensionen hinein nachgespürt.
Obwohl die Blütenlese, die Schérer und Mercier noch im gleichen Jahr 1882 herausgaben, streng zensuriert und beschönigt war, machte sie Amiel, der zu Lebzeiten bloss den eher fragwürdigen helvetischen Ruhm des Schöpfers von Roulez tambours! genossen hatte, innert kurzem weltberühmt. Sein Journal galt bald einmal als Schlüsseldokument für den Zerfall des bürgerlichen Zeitalters im Zeichen des Fin de siècle und zählte Nietzsche und Hofmannsthal ebenso wie Tolstoi zu seinen Bewunderern.
Je mehr im Verlauf der Jahrzehnte vom authentischen, ungekürzten Text zugänglich wurde - 1923, 1927, 1948 und 1959 erschienen gewichtige Teile -, desto deutlicher zeigte sich aber auch, dass Amiels exemplarische Selbstbefragung das Zeitalter der Psychoanalyse souverän vorwegnahm und die geistigen Dimensionen des 19. Jahrhunderts bei weitem sprengte. Zur Zeit ist nun das gewaltige Unternehmen einer zwölfbändigen Gesamtedition des Journal intime im Gange, und wer sich die Mühe nimmt, die sechs bis heute vorliegenden Bände der auf 16 000 Seiten berechneten Edition zu studieren, der bekommt den Verdacht nicht los, hier werde Seite für Seite ein Kultbuch des kommenden Fin de millénaire aus seinen Fesseln befreit.
Wenig Freude dürften daran allerdings die Feministinnen haben. So überraschend modern Amiel nämlich in seinem Denkansatz ist, so zeitgebunden ist seine Ansicht über die Rolle der Frau. Hunderte von möglichen Heiratskandidatinnen »überprüft« er in seinem Journal, mit einer einzigen, der berühmten Philine alias Marie Favre, verbringt er, neununddreissigjährig, eine einzige Liebesnacht - um sich ernüchtert abzuwenden und Junggeselle zu bleiben! Der Mann, der wie kein anderer die Einsamkeit und das Versagen analysierte, bezeichnete in besonders zynischen Momenten das sinnenfeindliche calvinistische Genf als seine Ehefrau. Und einmal fügte er hinzu: »Als ich mich mit Genf verheiratete, heiratete ich den Tod, den Tod meines Talents und meiner Freude.« Da hätte er sich vielleicht doch besser mit seiner Philine arrangiert, die derart bedingungslos in den spröden Hypochonder verliebt war, dass sie nach zwölf Jahren Bekanntschaft nur noch den einen Wunsch hatte: »Quinze jours avec vous et mourir!«
Die Gesamtausgabe des Journal erscheint beim Verlag L'Age d'homme, Lausanne.
(Aus: Literaturszene Schweiz)