«Nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich auf’s Knie und schloss mich an’s Herz. Still, ganz still war’s, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen, in Sehnsucht nach ihm, ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufwachte, begann ein neues Leben.» Der 1835 publizierte Band «Goethes Briefwechsel mit einem Kinde» dokumentiert jenseits aller historischen Verlässlichkeit die vom Angebeteten nur zögernd erwiderte schwärmerische Goethe-Verehrung sei-ner Verfasserin, der am 4.April 1785 geborenen Bettine von Arnim. Die Korrespondenzen, die die Frankfurter Kaufmanns-tochter mit Prominenzen von Goethe bis Grimm unterhielt, wa-ren lange die einzige Möglichkeit, um die strenge Behütetheit im Ursulinenkloster Fritzlar und zu Hause in Frankfurt zu durchbre-chen. 1811 heiratete sie den Schriftsteller Archim von Arnim, dem sie in Wippersdorf und Berlin 7 Kinder grosszog. Erst nach Arnims Tod im Jahre 1831 wurde sie mit dem erwähnten, für den romantischen Goethe-Kult fundamentalen «Briefwechsel», aber auch mit dem an Preussens Monarchen Friedrich Wilhelm IV. gerichteten Band «Dieses Buch gehört dem König» von 1843 eine populäre Autorin. Letzterer enthielt auch das Doku-ment, mit dem sie sich als kämpferische Sozialkritikerin zu er-kennen gab: den Bericht des Schweizer Studenten Heinrich Grunholzer über die Situation der Armen in den Berliner Vor-städten. Als die von den Zeitgenossen teils als «enfant terri-ble» abgelehnte, teils als «Oberpriesterin des Kommunismus» verhöhnte, von Nachgeborenen wie Christa Wolf später zur frühen Feministin stilisierte unerschrockene Kämpferin in einem «Armenbuch» das ganze frühindustrielle Elend denunzieren wollte, brach sie 1844 nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands der schlesischen Weber die Arbeit ab, weil das Buch von der Zensur ohnehin verboten worden wäre. Sie hatte sich für ihre sozialen Anliegen kein Gehör verschaffen können, als sie am 20. Januar 1859 starb, aber sie war überzeugt: «Im nächsten Jahrhundert wird der Schall durchdringen!»