Ob «O» nun «obéissance», «offrande» oder «orgasme» heisst, die «Histoired’O», 1954 in 600 Exemplaren mit einem Vorwort von Jean Paulhan erschienen, war auf jeden Fall das erste Buch, das den weiblichen Masochismus zum Prinzip erhob und am Beispiel der Pariser Fotografin mit dem Kürzel «O» einer Frau das Wort gab, die sich aus freien Stücken von einem Männerbund erniedrigen und von einem Geliebten auf brutale Weise zur Sklavin machen lässt. 40 Jahre rätselte man, wer hinter dem Pseudonym Pauline Réage verborgen sein könnte, unter dem das vielfach verbotene, verurteilte und 1975 von Just Jaeckin lustvoll verfilmte Buch 1954 erschienen war. War es Jean Paulhan, der in seinen Vorwort so überzeugende Argu-mente für eine weibliche Autorschaft gefunden hatte, obwohl die Feministin Andrea Dworkin die These verbreitete, der Roman könne nur von einem Mann stammen, einem nämlich, der die Unterwerfung der Frau habe propagieren wollen.
Erst 1994 gab die höchst angesehene Pariser Literatin Dominique Aury, geboren am 23.September 1907, gestorben am 27. April 1998, langjährige Pariser Vertreterin der Schweizer Guilde du Livre, Lektorin bei Gallimard, Generalsekretärein der ,Nouvelle Revue Française», in einem Interview zu, das Buch geschrieben zu haben. Unsterblich in den Grosskritiker und Literaten Jean Paulhan verliebt, hatte sie dem 23 Jahre älteren Verehrer der Werke von Marquis de Sade beweisen wollen, dass er mit der Behauptung, Frauen könnten keine wirklich erotische Literatur schreiben, Unrecht hatte. Kapitel für Kapitel liess sie ihm ihr sprachlich ebenso hochstehendes wie thematisch verruchtes Buch zugehen und widerlegte damit nicht nur Paulhans Behauptung, sondern gewann ihn zugleich auch als Lebenspartner und Geliebten. «Die Geschichte der O», sollte er in seinem Vorwort schreiben, gehöre zu den Büchern, «die ihre Leser anders zurücklassen, als sie sie vorgefunden haben, wenn sie sie nicht völlig verändern.»