Eine seltsame Fracht, die Fischer Knudsen da 1937 vom Ostseehafen Rerik nach Schweden fährt: Barlachs «Lesenden Klosterschüler», den er im Auftrag des Pfarrers vor der Konfiskation als «entartete Kunst» retten soll, und die Jüdin Judith, der er erst zur Flucht verhilft, als Gregor, der abtrünnige KP-Kurier, ihn k.o. geschlagen hat. Dass noch ein dritter Flüchtling an Bord ist, wird der Schiffer nie erfahren, bezwingt der Schiffsjunge, der die Fahrt nutzen wollte, um wie Huckleberry Finn Reissaus zu nehmen und in einem Land wie Sansibar die grosse Freiheit zu finden, zuletzt doch das Fernweh, um Knudsen nicht in Gefahr zu bringen.
In 37 ganz kurze Kapitel ist er unterteilt, der Roman «Sansibar oder der letzte Grund», mit dem  Alfred Andersch 1957 der Durchbruch zum Erfolg gelang. Obwohl direkt betroffen – er war zweimal in Dachau interniert, hatte Schuldgefühle wegen der 1943 erfolgten Scheidung von der ersten Frau, einer «Halbjüdin», desertierte 1944  aus der deutschen  Wehrmacht –,  hat Andersch das Thema Flucht und Verfolgung im 3.Reich  wie in einem imaginären Drama formal so streng und präzis umgesetzt, dass es zum Modell für den Konflikt zwischen Macht und Freiheit, Individuum und Kollektiv überhaupt geriet  und einen dennoch Satz für Satz aufs Tiefste berührt.
 Zwar hat Andersch, der seit 1956 in Berzona lebte und am 21.Februar 1980 66jährig als Schweizer Staatsbürger starb, in seinen Erzählungen, Hörspielen und Essays die ganze Welt zum Schauplatz gehabt und stand Faulkner und Melville  näher als Fontane und Thomas Mann. In seinen Romanen aber ging es ihm  bis zuletzt um die Bewältigung der Naziverbrechen. So ist «Die Rote» (1960) eine nach Venedig verlagerte späte Ausmarchung zwischen Gestapo und britischem Secret Intelligence Service, zeichnet «Ephraim» (1967) ein deutsch-jüdisches Schicksal nach und führt «Winterspelt» (1974) auf abgründige Weise nochmals in die Zeit der Ardennenschlacht vom Herbst 1944 zurück.