«Was er mit dem Degen erreichen wollte, vollbringe ich mit der Feder», schrieb Honoré de Balzac auf den Sockel der Napole-on-Büste in seinem Schreibzimmer. Am 20. Mai 1799 als Sohn eines Verwaltungsbeamten in Tours geboren, hatte er Philoso-phie und Jurisprudenz studiert und als Verleger und Besitzer einer typographischen Giesserei einen riesigen Schuldenberg angehäuft, ehe er die bereits als Student praktizierte Schriftstel-lerei wieder aufnahm und 1829 mit «La Physiologie du maria-ge» und «Les Chouans» zwei erfolgreiche Romane vorlegte. Schon in der 20 Jahre älteren Laure de Berny, seiner «Dilecta», verehrte Balzac eine mütterliche reife Frau als Muse und Inspi-ratorin, und als sich 1832 die ukrainische Gräfin Ewelina Hans-ka als «L’étrangère» bei ihm meldete, beschloss er, noch ehe er sie gesehen hatte, sein künftiges Schaffen dem alleinigen Zweck zu unterstellen, vom Schicksal die Vereinigung mit die-ser Frau zu erzwingen. Unter dem Titel «La Comédie humai-ne» wollte er in 137 Romanen sein Jahrhundert zum Ausdruck bringen und der offiziellen Geschichtsschreibung eine «Ge-schichte der Sitten» zur Seite stellen. 91 Romane mit insgesamt 3000 Figuren waren bis 1850 in wahnwitziger Selbstausbeutung zustandegekommen, darunter Werke wie «Illusions perdues» und «Splendeurs et misères des Courtisanes» – zwei Romane, die für sich allein schon einen vollständigen Eindruck von Bal-zacs unerhört vielfältigem und vitalem literarischem Kosmos vermitteln. Ein Effort, mit dem die Kraft erschöpft, aber das Ziel erreicht war: nach der Heirat in Kiew durfte Balzac Ende Mai 1850 seine Ewelina nach Paris heimholen, wo sie gerade noch einen Sterbenskranken pflegen konnte, der am 18.August 1850 51jährig starb. Auf eine Art und Weise nota bene, die unmittel-bar an den beklemmend geschilderten Tod des alten Goriot im Roman «Le père Goriot» von 1834 erinnerte. «Man spricht so gerne von der ersten Liebe eines Menschen», hatte Balzac 1847 seiner Gräfin geschrieben. «Aber ich kenne nichts Schrecklicheres als seine letzte: sie ist strangulierend!»