Weil sie «Le Deuxième Sexe» nicht als intelligente Analyse, sondern wie eine Bibel lasen, machten ihre Anhängerinnen Simone de Beauvoir, am 9.Januar 1908 in Paris als «Tochter aus gutem Hause» geboren und am 14.April 1986 als berühm-teste Intellektuelle Frankreichs ebenda gestorben, zu einer der «Mütter des Feminismus». Dabei liess sich die Philosophin, die ihr Studium 1929 mit 21 Jahren gleichzeitig mit dem 3 Jahre älteren Lebenspartner Jean-Paul Sartre glanzvoll abgeschlos-sen hatte, nie vor irgendwelche Karren spannen und unter-suchte 1970 «Das Alter» ebenso leidenschaftlich wie 1949 das «andere Geschlecht», das sie nicht für naturgegeben, sondern für anerzogen hielt, weshalb ihr ein Phänomen wie die Mutter-schaft vollkommen fremd blieb.
Wer die sinnliche, vitale Simone de Beauvoir kennenlernen will, muss den Roman «Les Mandarins» von 1954 lesen, der nicht nur den Pariser Existenzialisten der Nachkriegszeit ein Denk-mal setzt, sondern auch der Liebe zum Amerikaner Nelson Algren, in dessen Armen sie – mit Wissen Sartres! – «Brust, Leib und Sexus» wiederfand. Oder die Briefe, die sie von 1930 bis 1963 an Sartre schrieb, der das grosse Ereignis ihres Lebens war und blieb, mit dem sie aber nie zusammen wohnte und den sie in seinen letzten Jahren dennoch hingebungsvoll pflegte. Briefe an «meine Toulouse», an «mon amour» und an «mein liebes kleines Geschöpf», die sie mit «Castor» signierte, während Sartre sie «Biber» nannte. Briefe, die auch dann noch liebevoll besorgt klingen, wenn Sartre mit ihrer Ex-Freundin Olga eine Liebschaft angefangen hat oder wenn er, inzwischen 51, mit der 17jährigen Arlette Elkaim auf Reisen geht, die er schliesslich adoptiert, damit sie nicht nach Algerien ausgeschafft werden kann.
Joyce oder Proust wollte Simone de Beauvoir nicht konkurrenzieren. Was sie wollte, war: «Mich existent machen für die anderen, indem ich ihnen auf die unmittelbarste Weise mitteilte, wie ich mein eigenes Leben empfand.»