«Sie begann erst mit vierzig, als Mutter dreier Kinder, Bücher zu publizieren, die Bernerin Maya Beutler, die zuvor als Unesco-Dol-metscherin die Welt und als Druckerei-Leiterin den Arbeitsalltag kennengelernt hatte. Anders als Laure Wyss, Margrit Schriber und Verena Stefan, die zeitgleich mit ihr debütierten, schrieb sie von Anfang an keine Frauenliteratur. Weder in ihrem kafkaesken Erst-ling «Flissingen fehlt auf der Karte» (1976), dessen Titelgeschichte eine der hintergründigsten Annäherungen an den Holocaust ist, noch im ersten Roman, «Fuss fassen» (1980), dieser erschüttern-den Auseinandersetzung mit dem Thema Krebs.
In alles, was sie publizierte, brachte Maya Beutler rückhaltlos sich selbst ein. Aber nicht im Sinne eines Rückzugs in Selbstmitleid oder -verliebtheit, sondern, im Gegenteil, in einer Zuwendung zum Du, zum Mitgeschöpf, die immer auch Mitverantwortung auferlegt. Im Roman «Die Wortfalle» von 1983 z. B., der das Funktionieren von Beziehungen fast wie in der Retorte durchspielt. Im todestrunkenen und gerade deshalb so lebensgläubigen Roman «Die Stunde, da wir fliegen lernten» (1994), wo die Verlorenheit eines aus allen Bezieh-ungen gefallenen jungen Mannes starke, poetische Bilder evoziert. In den Erzählungen «Das Bildnis der Doña Quichotte» von 1989, die radikaler als alle anderen Bücher der oft fast unmöglichen Verbindung von Liebe und Unabhängigkeit nachgehen. Und nicht zuletzt in den nachgereichten Erzählungen «Der schwarze Schnee» von 2009, diesem berührenden Buch über den Tod, die Krankheit und den unerschütterlichen Lebenstrotz.
Soll man es bedauern, dass Maya Beutler nicht mit ihren hochlite-rarischen, sondern mit jenen einfachen, unmittelbar ansprechenden Kurzbeiträgen am meisten Echo fand, die sie auf Berndeutsch im Radio vortrug und die 1986, 1994 und 1996 als «Wärchtig», «Bei-derlei» und «Tagwärts» gesammelt erschienen? Bestimmt nicht, kommt doch gerade in den bescheidenen Radio-Auftritten dieser vielseitigen Dichterin ihre Fähigkeit, auf den Menschen zuzugehen und ihm aus leidvollem eigenen Erleben heraus Wesentliches über sich selbst zu sagen, am allerschönsten zum Tragen: «Heit Dir o mängisch schwär, wüll ds Läbe ke Usnahm wott mache für Nech?»