«Ich war zehn, als mein Vater starb, und da kam der Pfarrer und erzählte von einem Seminar, wo ich mich würde vergnügen können und Freunde in meinem Alter hätte.» So kam der am 5.April 1920 in Muralto geborene Arbeitersohn Giovanni Bonalumi 1931 ins Seminario San Carlo di Lugano und sollte da unter lauter kuttentragenden Alters-genossen in einem Leben aus Gebet, Askese, Verboten, Strafen und Denunziationen auf ein keusches Dasein als katholischer Priester vorbereitet werden. Zehn ganze Jahre hielt er durch, dann, mit 21, stand er ohne Abschluss und Zeugnis auf der Strasse, schaffte es aber schliesslich, in Einsiedeln die Matura nachzuholen, in Fribourg Literatur zu studieren und nach Jahren als Lehrer und Übersetzer Professor für italienische Literatur an der Universität Basel zu werden. 1953, im Romanerstling «Gli Ostaggi», arbeitete er die Leiden und Freuden als angehender Kleriker in der Figur des Emilio auf, der im sinnenfeindlich-sterilen Konvikt todunglücklich ist und sich nach der Welt ausserhalb der Mauern und nach jenem Mädchen sehnt, dem seine Träume gelten. Bis es zu einer Art Verschwörung kommt und Emilio auf Anord-nung des Bischofs das Haus verlassen muss, wo die Sinnlichkeit mit Folgen, wie wir sie inzwischen kennen, zu etwas Verbotenem und Unnatürlichem stilisiert wurde.
1972 hat Bonalumi einen zweiten Roman vorgelegt: «Per Luisa», das Psychogramm des Locarneser Intellektuellen Giuliano, der 1956, im Jahr des Ungarnaufstands, eine schwere innere Krise durchmacht und für den auf einmal alles sinnlos wird: das politische Engagement, der Freundeskreis, die Ehe mit Luisa, die ein totes Kind geboren hat. Ähn-lich subtil und unaufdringlich wie dieser Roman kommen auch Bona-lumis Erzählungen in den Bänden «Le nevi di una volta» von 1993 und «Il Profilo dell’eremita» von 1996 daher, in welch letzterem für einmal auch die Internatszeit in Einsiedeln thematisiert ist. Sein Bestes in die-ser Hinsicht aber hat der am 8.Januar 2002 verstorbene Autor zweifel-los im Erstling «Die Geiseln» gegeben, der schon zu seinen Lebzeiten in zwei Neuausgaben erschien und seine Aktualität nach seinem Tod in französischen und deutschen Übersetzungen unter Beweis stellte