Elena Bonzanigo

Die Casa Serodine, eines der schönsten Häuser von Ascona, ist nicht nur in die Kunst-, sondern auch in die Literaturgeschichte des Tessins eingegangen. In ihrem 1944 erschienenen Roman «Serena Serodine» hat Elena Bonzanigo die Geschichte jener Brüder Serodine erzählt, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Rom als Maler und Bildhauer zu Ruhm gelangten und sich mit der prachtvollen Fassade ihres Asconeser Vaterhauses ein Denkmal setzten. Aber nicht die beiden historisch verbürgten Künstler Battista und Giovanni stehen im Zentrum des breit ausladenden Romangemäldes, sondern Serena Serodine, ein Tochter Battistas, die ganz Elena Bonzanigos eigene Erfindung ist. Serena wächst in Pisa und Rom heran, verliert früh die Mutter, dann auch den Vater, und schafft es, ins Tessin zurückgekehrt, trotz allem, ihrer ererbten künstlerischen Begabung Ausdruck zu geben. Die Kunst ist es denn auch, die sie mit Gualtiero, ihrem Lebenspartner, zusammenbringt. Wie der Fortsetzung Oltre le mure (1955) zu entnehmen ist, sucht Gualtiero sein Glück bald wieder in der Fremde, während Serena nach dem Pesttod ihres einzigen Kindes ins Kloster geht. Als der Mann nach Jahren zurückkommt, vermag er die sanfte Serena zu einem Neuanfang »jenseits der Mauern, in der Sonne«, zu bewegen.
Dass dieses Romangeschehen trotz des historischen Gewandes ungemein lebensnah und anschaulich wirkt, ist wohl damit zu erklären, dass die Autorin immer wieder auf Selbsterlebtes zurückgreifen konnte. Tochter eines weltweit tätigen Ingenieurs verlebte sie ihre Jugend wie Serena Serodine in verschiedenen italienischen Städten. Wie ihre Romanfigur begann sie früh zu malen, verzichtete aber nach ihrer Heirat mit dem Arzt Paolo Hoppeler und ihrer Wohnsitznahme in Monti sopra Locarno gleich wie Serena auf eine eigentliche Künstlerkarriere. Dafür wandte sie sich um so ernsthafter der Schriftsteller zu, in welcher sie 1931 Mit dem Lyrikband La Sorgente (Die Quelle) debütiert hatte. 1938 machte sie mit dem entzückend frischen Kindheitserinnerungen Storie primaverili (Frühlingsgeschichten) von sich reden. Auf die beiden Serodine-Bücher folgten 1958 die stimmungsvolle Erzählung Viaggio di notte (Nächtliche Reise) und 1965 der historische Roman La Conchiglia (Die Muschel): eine virtuose literarische Gegenüberstellung des glorreichen italienischen Risorgimento mit den kläglichen politischen Wirren, von denen das Tessin 1890 heimgesucht wurde.
Obwohl sie den Vergleich mit ihm nicht zu scheuen hatte, gelang es Elena Bonzanigo zeitlebens nicht, aus dem Schatten Francesco Chiesas herauszutreten. Eine Laune des Schicksals, die sie jedoch, frei von aller Verbitterung, würdevoll zu tragen wusste, indem sie den weisshaarigen Patriarchen bis zuletzt unverdrossen als ihr Vorbild und Idol verehrte.

Von «Serena Serodine» ist in der Reihe Reprinted by Huber eine deutsche Neuausgabe geplant..