«Niemand vor mir, niemand neben mir, niemand über mir, der Vater tot / Himmel, ich spring dir auf, ich flieg. / Es drängt, zit-tert, stöhnt, klagt, muss auf, quillt, sprengt, fliegt, muss auf. / Ich blühe!» Nirgends ist der Ödipus-Komplex so drastisch Literatur geworden wie im 1922 uraufgeführten Stück «Vatermord», in dem ein Gymnasiast die Mutter vergewaltigt und den Vater tö-tet, um zur Freiheit zu «erblühen». Wobei niemand ahnen konn-te, wie sehr es dem am 19.August 1895 in Wien geborenen Ar-nolt Bronnen um den wirklichen Vater ging und dass der private Vatermord 1943 in einem Urteil des NS-Reichssippenamts gip-feln würde, nach dem der «keine jüdischen Rassenmerkmale aufweisende» Sohn nicht vom eindeutig jüdischen Ferdinand Bronner gezeugt worden sein könne.
Damals hatte der zeitweise mit Brecht kooperierende meistdis-kutierte Dramatiker der Weimarer Republik bereits die Wende von links nach rechts genommen und 1929 im Roman «O.S.»  auf ebenso avantgardistische wie nationalistische Weise den Verlust Oberschlesiens beklagt. 1930 heiratete er, mit ihrem Geliebten Joseph Goebbels als Gast, die skandalumwitterte Olga Förster, der nach ihrem Selbstmord 1935 das blondge-zopfte arische Supermodel Hildegard von Lossow folgte, mit dem zusammen er zum Star der NS-Ilustrierten avancierte, bis er 1943 als Reichsrundfunkdramaturg bei Goebbels in Ungnade fiel. Da war die zweite Wende fällig und ging er zum  österrei-chischen Widerstand an, der ihn 1945 zum Bürgermeister von Bad Goisern machte. 1951 wurde er Chefdramaturg des Wiener Theaters in der Scala, übersiedelte dann aber, als Kommunist in Wien untragbar geworden, in die DDR, wo er Theaterkritiker wurde und 1954 die Autobiographie «Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll» publizierte. Ein Buch, das mit seiner entwaffnenden Offenheit nur noch dazu beitrug, dass man in Bronnen bei seinem Tod am 12.Oktober 1959 nicht den Verfasser von formal und inhaltlich radikal modernen Dramen, sondern bloss noch einen Mann sah, der dreimal das Lager gewechselt hatte.