Kaum je ist die Orientierungslosigkeit, die durch den  1.Welt-krieg ausgelöst worden war, erschütternder evoziert worden als im 1926 in Hamburg uraufgeführten Drama «Krankheit der Ju-gend», wo gelangweilte Jugendliche mit dem Motto «Alle Men-schen sollten sich mit 17 erschiessen» Ernst machen. Es stammte von einem Autor, den niemand kannte und der sich hinter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner verbarg. 1928 folg-te «Verbrecher», ein mit den Mitteln der Simultanbühne präsen-tiertes Stück über die Korruptheit der Justiz als Inbegriff der all-gemeinen Verluderung, und 1930 wurde gleichzeitig an drei Bühnen eine «Elisabeth von England» uraufgeführt, mit der die Genese des Imperialismus als menschenverachtende Doktrin fassbar gemacht wird. Damals lüftete der Autor auch sein In-kognito. Ferdinand Bruckner war der am 26.August 1891 in Sofia geborene Theodor Tagger, Sohn eines Wiener Bankiers, Journalist, Gründer des Berliner Renaissancetheaters. Nach Hitlers Machtantritt übersiedelte er nach Paris und 1936 in die USA, wo er bis 1951 als Drehbuchautor lebte, um dann nach Berlin zurückzukehren, wo er am 5.Dezember 1958 im Gefolge eines Lungenleidens starb, für das er schon 1915 in Davos Hei-lung gesucht hatte. Mit der Schweiz verband Bruckner auch die Uraufführung seines Stücks «Die Rassen» am 30. November 1933 in Zürich. Es stellte als erstes die verheerenden Folgen der faschistischen Rassenpolitik dar. Karlanner, ein Medizinstu-dent, begeistert sich für Hitler und löst die Verlobung mit dem jüdischen Mädchen Helene. Als er sieht, wohin der Terror führt, kommt er zur Besinnung und rettet Helene ins Ausland, wäh-rend er selbst von der SA liquidiert wird. Ernst Ginsberg spielte Siegelmann, den Rechtsanwalt, der mit dem Schild «Ich bin Jude» durch München getrieben wird, so glaubwürdig, dass von der Galerie herab gerufen wurde: «Siegelmann, Siegelmann, so hilf dir doch!» Thomas Mann und Franz Werfel sassen im Publi-kum, und es war die Geburtsstunde des Schauspielhauses als Plattform des antifaschistischen Widerstands.