«Ich hatte einen Blick in den Abgrund getan», erinnerte sich Carl Jacob Burckhardt 1960 an seinen Besuch im Nazi-KZ Esterwegen und seine dortige Begegnung mit dem Folteropfer Carl von Ossietzky. In dem Bericht jedoch, den der IKRK-De-legierte 1935 für den Präsidenten des Deutschen Roten Kreu-zes über seine KZ-Inspektionen verfasst hatte, stand kein Wort von der unmenschlichen Behandlung der Gefangenen und las man, die Lager ständen «organisatorisch auf der Höhe neuzeit-licher Anforderungen» und in Dachau glaubten die Häftlinge «an die Gerechtigkeit des Lagerkommandanten».
Zivilcourage war nicht die Stärke des am 10.Dezember 1891 in Basel geborenen und am 3.März 1974 in Vinzel VD gestorben-en Basler Aristokraten, Zürcher und Genfer Dozenten, IKRK-Präsidenten und Diplomaten. Der Autor einer 3bändigen Riche-lieu-Biografie zählte sich selbst zu den grossen Diplomaten seiner Zeit, erkaufte sich seine vermeintliche Ungebundenheit aber dadurch, dass er sich auf dem rechten Auge blind stellte. So war er als Völkerbundskommissar für Danzig ab 1937 kaum viel mehr als ein Erfüllungsgehilfe für die Annexionsstrategie der Nazis, und als «Aussenminister» und schliesslich Präsident des IKRK konnte er sich, fast von Anfang an über Hitlers Ver-nichtungspläne orientiert, weder zu einem Appell an die Weltöf-fentlichkeit, noch zu effizienten Massnahmen zur Rettung der bedrohten Juden aufraffen, rührte dann aber keinen Finger, als nach 1945 Tausende von SS-Leuten mit IKRK-Pässen nach La-teinamerika entkamen. Der Schwiegersohn des Salazar-Vereh-rers Gonzague de Reynold war nämlich, wie er 1933 in einem Brief festhielt, der Ansicht, dass es «einen bestimmten Aspekt des Judentums» gebe, «den ein gesundes Volk bekämpfen» müsse. Wovon er offenbar auch nach Auschwitz nicht abrückte, sprach er doch noch 1947, als Schweizer Botschafter in Paris, im Tagebuch nach der Unterredung mit einer amerikanischen Journalistin vom «hasserfüllten, aggressiven, stumpfen Ghettogesicht eines jüdisch-amerikanischen Presseweibs».