Erika Burkart

Sie könne es, schrieb Erika Burkart 1975 in ihrem Prosabuch Rufweite, »oft kaum ertragen, jemanden auch nur einen Blumenstengel knicken zu sehen«. Wie überlebt ein Mensch von solcher Sensibilität und Verletzbarkeit das mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts mit all seinen Zerstörungen äusserer und innerlicher Art? Wie verkraftet er den Krieg und die Atombombe, den Triumph des Betons über das Gras, das langsame Verkümmern der Wälder?
Erika Burkart überlebt, indem sie der Zerstörung ihre Verletzbarkeit offenhält und die rauhe, durch zunehmende Gefährdung und rücksichtsloses Zweckdenken geprägte Realität in gleichsam homöopathischer Dosierung in die Welt ihrer Dichtung hineindringen lässt. So konnten sich allmählich Abwehrkräfte dagegen bilden, und so traten neben jene Verse und Texte, die das landschaftliche und seelische Refugium des alten Hauses auf der Moräne lyrisch verklärten, immer häufiger auch solche, die in erschütternden Bildern der Trauer und Resignation, ja bisweilen auch dem Zorn über die fortschreitende Zerstörung Ausdruck verliehen:

»Legende. Die Strasse ans Ende
ist eingesargt in Asphalt,
und Laurins Garten verlegt
an den unzugänglichen Himmel
über Betonbergen und Schutt. «

Ganz aber ist die Hoffnung nicht aus ihren Gedichten verdrängt. Noch gibt es da den Vogel, das Schaf, den Wind, den Traum und vor allem: das Kind! Seit dem Roman Moräne (1970) bildet die Kindheit im Werk der Dichterin zweifellos jenes Motiv, dem die Bedrohung am wenigsten anhaben konnte. War es zunächst die wiedererinnerte eigene Kindheit gewesen, die mit ihrer Verzauberung nachgewirkt hatte, so vermittelte im 1985 vorgelegten Roman Die Spiele der Erkenntnis das Nachdenken über die Kindheit des Knaben Manuel unversehens die beglückende Begegnung mit einem andern, ganz jungen Menschen. Aber nicht nur auf das Erzählte, auch auf die Sprache, die Erika Burkart wie viele moderne Autoren unentwegt hinterfragt, scheint die Beschäftigung mit dem Phänomen Kindheit eine wohltuende, befruchtende Wirkung auszuüben. Kinder, eines der Gedichte aus dem Lyrikband Sternbild des Kindes (1984), endet jedenfalls wie folgt:

»Viele werden früh
mit dem Wort entzweit.

Ich erleuchte mich, sie liebend,
mit Unendlichkeit.«

Wer Sternbild des Kindes und Die Spiele der Erkenntnis aufmerksam studiert und auch noch den 1988 erschienenen Gedichtband Schweigeminute hinzunimmt, kann dieser poetischen Selbstanalyse nur beipflichten. Und wüsste jemand nicht, dass die Aargauer Dichterin in 36 Jahren nicht weniger als 15 Lyrikbände und vier Romane publiziert hat und sich im sechsten Lebensjahrzehnt befindet, dann könnten die Frische und Spontaneität des Denkens, die Leuchtkraft der Bilder und die scheue Sinnlichkeit der ganzen Atmosphäre ihn leicht zur Annahme verleiten, die drei Bücher müssten von einem ganz jungen Mädchen geschrieben worden sein.
Erika Burkarts Werke sind bei Amman, Zürich, greifbar.