«Ich weiss es selbst nicht» antwortete Raymond Chandler 1946 Howard Hawks, als der ihn bei der Verfilmung von «The Big Sleep»  fragte, ob der Chauffeur Owen Taylor ermordet wird oder Selbstmord begeht. «Der grosse Schlaf» ist der erste von 7 Romanen mit dem im Film von Humphrey Bogart gespielten unbestechlichen Kommissar Marlowe, und deren Plots sind bei aller Dichte der «schwarzen» Atmosphäre tatsächlich so kom-pliziert, dass auch der Autor selbst damit Mühe hatte. Neben Marlowes coolem Charme ist der gemeinsame Nenner der Se-rie, was Chandler «die simple Kunst des Mordes» nannte: 32 Mal insgesamt, die 5 Selbstmorde nicht mitgerechnet.
Der in Chicago geborene, aber in England erzogene Chandler war 51, als er 1939 nach einer gescheiterten Karriere bei US-Ölfirmen mit dem «Grossen Schlaf» den ersten Roman publizierte und sich neben Dashiell Hammett als erfolgreichster US-Krimiautor etablierte. So spröd seine Texte sind – die Liebe sah er als «Schwächung» des Plots an –: Chandlers Privatleben war erfüllt von einer zärtlichen Lovestory, ohne die er nach 30 Jahren nicht weiterleben wollte. Er hatte die 18 Jahre ältere Cissy Hurlburt 1916 als verheiratete Frau kennengelernt und nach ihrer Scheidung 1924 geheiratet. Sie lebten bis zuletzt wie ein junges Liebespaar zusammen, und als Cissy 1954 starb, bekannte er einem Freund: «Dreissig Jahre, zehn Monate und vier Tage war sie das Licht meines Lebens, mein einziger Ehrgeiz. Alles, was ich sonst tat, war nur das Feuer für sie, sich die Hände daran zu wärmen.» Am 31. Hochzeitstag, im Februar 1955,  füllte er das Haus mit roten Rosen, und kurz darauf traf er beim Versuch, sich umzubringen, zweimal daneben. «Wir harten Burschen sind im Herzen hoffnungslos sentimental», gestand er sich ein, und bis zu seinem Tod am 26.März 1959 im kalifornischen La Jolla hörte er nicht auf, die Frau zu be-trauern, der er seine «ziemlich unbedeutende literarische Laufbahn» geopfert haben würde, wenn er sie «ein paarmal öfter zum Lächeln» hätte bringen können.