«Mir wurde klar, dass man viel glücklicher ist, wenn man nichts mit sich herumschleppt.» Wir schreiben 1965, und Bruce Chat-win, 25, Leiter der Abteilung Impressionismus bei Sotheby’s, ist im Sudan dem Stamm der Beja begegnet und entdeckt jenes Nomadentum, das zu bewundern er bis zuletzt nicht aufhören wird. «Die nomadische Alternative» soll das Werk heissen, das er 1969, nachdem er bei Sotheby’s gekündigt, die Amerikanerin Elisabeth Chanler geheiratet, ein paar Semester Archäologie studiert und selbst das Leben eines Nomaden begonnen hat, zu schreiben anfängt. Er will beweisen, dass der Mensch in grauer Vorzeit neben dem aufrechten Gang auch den Drang zur Wan-derschaft entwickelte, durch dessen Unterdrückung Gewalttä-tigkeit und Statusdenken entstanden sind. Das Projekt verläuft nach 14 Jahren im Sand, aber schon 1977 gelingt Chatwin mit «In Patagonien» – einem eigenwilligen Reiseroman, der von der Suche nach einem Brontosaurier im Süden Argentiniens handelt, jedoch indirekt eine Hommage an das Nomadentum darstellt – der Durchbruch zum Weltautor. 1987 erscheint «The Songlines», ein Roman, der am Beispiel der magischen Traum-pfade der Aborigines und deren Bedrohung durch die Weissen die Sackgasse aufzeigt, in die die zivilisierte Menschheit durch die Unterdrückung des Wanderinstinkts geraten ist. Als 1988 «Utz», sein romanhaftestes und unterhaltsamstes Buch, er-scheint – eine Parodie auf eine Sammlerexistenz, die sich in einer absonderlichen Prager Wohnung nicht nur am Meissner Porzellan, sondern auch in der Begegnung mit Operettensän-gerinnen auslebt –, ist der bisexuell veranlagte Autor bereits schwer durch die Aids-Krankheit handycapiert, der er kurz vor seinem 49.Geburtstag am 18.Januar 1989 in Nizza erliegen wird. Die letzte Reise hatte ihn 1987 zu den Dreharbeiten von Werner Herzogs Film «Cobra Verde» nach Ghana geführt. Und Herzog schenkte er denn auch kurz vor seinem Tod das einzi-ge, was er auf seinen Reisen mit herumgeschleppt hatte: «You must carry my rucksack, you are the one who must carry it.»