«Nach den ersten Qualen des Betrogenwerdens, nach den Em-pörungen und Unterwerfungen einer jungen Liebe, begann ich mit unerbittlichem Stolz und Trotz zu leiden und … Literatur zu machen.» Genau wie Renée Néré, die Ich-Erzählerin des Ro-mans «La Vagabonde» – eine Variété-Soubrette, die ihren un-treuen Mann verlässt und schreibend zu sich selbst findet –  ist auch die Autorin, die am 28.Januar 1873 geborene Sidonie-Ga-brielle Gauthier-Villars 1903 ihrem untreuen Mann davongelau-fen, um im Variété Furore zu machen und mit «La Vagabonde» 1910 einen Roman vorzulegen, der in Sachen Psychologie und Ambiente die «Claudine»-Romane weit in den Schatten stellte, die sie als Willy, das Pseudonym ihres Mannes, seit 1896 ver-öffentlicht hatte. «La Vagabonde» kam in die engere Wahl für den Goncourt, und Henry de Jouvenel, den sie 1912 in zweiter Ehe heiratete, holte die Autorin in die Redaktion des «Matin», dessen Feuilleton sie ab 1919 leitete. 1920 erschien «Chéri», der Roman einer Liaison zwischen einer älteren Frau und ei-nem halb so alten Mann, der ihr grösster Erfolg werden sollte. Aber erst 1923, als der von der sexuellen Initiation eines Ju-gendlichen durch eine ältere Frau handelnde Roman «Le Blé en herbe» erschien, benutzte sie erstmals das Pseudonym Col-ette. Obwohl sie auch Beziehungen zu Frauen hatte, heiratete sie 1935 in dritter Ehe den jüdischen Perlenhändler Goudeket, den sie im Krieg dem Zugriff der Nazis entziehen konnte und der sich bis zuletzt um die an Arthrose Erkrankte kümmerte. «Gigi» hiess 1944 ein weiterer Erfolg, der von der Glücksheirat eines Mädchens mit einem Mann handelt, für den es als Mä-  tresse bestimmt war. – Erst nach ihrem Tod am 3.August 1954 hat Colettes Werk auch bei der Kritik jene Anerkennung gefun-den, die ihr André Gide schon früh gezollt hatte. «Ich habe ‹Chéri› in einem Atemzug gelesen, schrieb er ihr 1920. «Was für ein wunderbares Thema haben Sie da aufgegriffen! Und mit welcher Intelligenz, welcher Meisterschaft, welchem Verständ-nis für die verschwiegenen Mysterien des Fleisches!»