Heinrich Danioth
Am Weihnachtsabend 1945, als es noch Brauch war, sich vor dem Radio zu versammeln wie später vor dem Fernseher, brachte Beromünster nach den Nachrichten und Mozarts Jupiter-Symphonie die Hörspielfassung des Urner Krippenspiels von Heinrich Danioth zur Uraufführung. Der Künstler, der seit dem Skandal um die Fresken am Bundesbrief-Archiv Berühmtheit erlangt hatte und vielen als Nebelspalter-Karikaturist ein Begriff war, trat damit erstmals auch ausserhalb des Urnerlandes als Dichter in Erscheinung.
Danioths Urner Krippenspiel ist im Oktober 1944 während eines unfreiwilligen Aufenthalts in einer eingeschneiten Alphütte entstanden. Angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch die Schneemassen und der ferneren durch den Krieg müssen Danioth damals die Menschen wie hilflose Marionetten vorgekommen sein. Darum wohl konzipierte er sein Stück als Marionettenspiel und liess es in dieser Form am 14.Januar 1945 in Altdorf durch die eigens dafür gegründete Gruppe »Gelb-Schwarz« uraufführen. Danioth verlegt das Weihnachtsgeschehen in die tief verschneiten Urner Berge seiner unmittelbaren Gegenwart. Maria und Josef sind Emigranten, die von den Häschern Bruno und Nero - Hitler und Mussolini! - in das einsame Bergtal gehetzt werden. In der Begegnung mit den Flüchtlingen kann sich der Wegknecht Joder, um dessen Seele Gott und Teufel eine Wette abgeschlossen haben, bewähren. Allerdings besteht der Urner die Probe nur ganz knapp: er schickt zwar die Emigranten nicht weiter, doch er weist ihnen nur seinen verlotterten Gaden zu, wo der »Scheibenhund « sie erschrecken wird. Wie es sich für die Gattung gehört, endet alles in Versöhnung. Bruno und Nero finden - dies ein Lob auf das Alpen-Réduit! - in einer Gotthard-Lawine den Tod, die drei Könige besuchen auf Skis das Jesuskind, der Welt wird der weihnachtliche Frieden verkündet, aber auch aufgetragen: »O öffnet eure Herzen weit / den vielen ungezählten / Verarmten und Gequälten!«
Das Stück zeichnet sich aus durch die meisterhafte Verwendung von Hochsprache und Dialekt. Mit deutlicher Anspielung auf den Missbrauch des Deutschen durch den Faschismus wendet es sich mittendrin demonstrativ dem Urner Dialekt zu und gewinnt in Passagen wie der Hass-Litanei des Teufels eine eindringliche Sprachgewalt. Sein zweites bedeutsames Stück übrigens, das Lawinen-Hörspiel Der sechste von den sieben Tagen, hat Danioth 1951 dann ausschliesslich hochdeutsch geschrieben, weil ihm »das Menschliche diesmal wirklich über das Urnerische« ging. Mit seinem Urner Krippenspiel von 1944/45 aber hat der in seiner Bedeutung noch immer unterschätzte Künstler Danioth einen wichtigen Beitrag zum Schweizer Mundarttheater geleistet und uns ein Stück hinterlassen, das auch heute noch auf unsentimentale Weise echte weihnachtliche Stimmung zu erzeugen vermöchte.
Das Urner Krippenspiel liegt gedruckt vor in Band 2 von Heinrich Danioth, Werke in 3 Bänden, NZN-Verlag, Zürich 1973.(Literaturszene Schweiz)