Walter Matthias Diggelmann

»Ich will in erster Linie aufrütteln, den Lesern die Fragen so drastisch vor Augen führen, dass sie nicht daran vorbei können, ohne eine Antwort zu suchen.« - Das ist, zitiert nach einem Brief von 1963, unverkennbar Walter Matthias Diggelmann, und der Satz umschreibt sehr genau jenes unerbittliche menschliche und politische Engagement, das dieser Autor in seinen Büchern mit eingängiger Sprache und pfiffiger Regie vorzutragen wusste. Am aufrüttelndsten in Die Hinterlassenschaft von 1965, der ersten ungeschminkten literarischen Darstellung der Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. All das, was man später bei Bonjour, Häsler und anderen zu diesem Thema lesen konnte, ging nur noch quantitativ, nicht aber in der Brisanz der Fakten und Erkenntnisse über Diggelmanns Collage hinaus. Zudem war es ihm gelungen, das Dokumentarische lesbar in eine spannende Geschichte einzubauen: Ein junger Mann erfährt aus der schriftlichen Hinterlassenschaft des vermeintlichen Vaters seine wahre, nämlich jüdische Herkunft und muss zur Kenntnis nehmen, dass seine Eltern von der Schweizer Fremdenpolizei den NS-Häschern ausgeliefert wurden.
Dass Diggelmanns Buch 1965 nicht zu einer landesweiten Diskussion der Asylpolltik während des Krieges führte, hat diverse Gründe. Zum einen war man noch nicht willens, die ungewohnte Form der dokumentarischen Collage ernst zu nehmen. Zum andern aber hatte Diggelmann gleich auch noch ein zweites heisses Eisen angefasst und ungeniert mit dem ersten verknüpft: das sogenannte »Thalwiler Pogrom«, d. h. die Angriffe und Tätlichkeiten, denen der kommunistische Kunsthistoriker Konrad Farner und seine Familie während des Ungarnaufstandes von 1956 ausgesetzt waren. Die These, dass die Antisemiten von gestern die Kommunistenhasser von heute seien, war aber entschieden zu starker Tabak für die Schweiz von 1965. Das Buch, das nach Rückweisung durch Benziger bei Piper in München erschienen war, führte zu einem Skandal, der im Berner Auftrittsverbot für Diggelmann vom 22. Oktober 1965 gipfelte und letztlich die bedeutsam informative Leistung des Buches gegenstandslos machte. Als dann 1967 noch ruchbar wurde, dass Diggelmann für die DDR-Ausgabe ideologische Konzessionen gemacht hatte, da war er für die politische Öffentlichkeit der Schweiz als kritischer Autor erledigt. »Wer sich so verhält«, triumphierte damals der Beobachter, »hat kein Recht, sich als &Mac221;engagierten Schriftsteller&Mac220; zu bezeichnen.«
Und ein Vierteljahrhundert danach? Ich meine, dass das Buch bei all seiner unverstellten Parteilichkeit auch heute noch eben darum zu erschüttern und nachdenklich zu stimmen vermag, weil hier ein Schriftsteller ohne Rücksicht auf die Folgen drauflosgeschrieben hat, als ihn angesichts gewisser Vorkommnisse der jüngsten Schweizer Geschichte das Entsetzen packte.
Die Hinterlassenschaft ist, kommentiert von Bernhard Wenger, im Limmat-Verlag, Zürich, greifbar Seit 2000 gibt Klara Obermüller in der edition 8 in Zürich ein Diggelmann-Werkausgabe heraus..