Albert Ehrismann

1930 bereits, mit seinem Erstling «Lächeln auf dem Asphalt», stand Albert Ehrismann in deutlichem Gegensatz zur ästhetisierenden Naturlyrik der Schweizer Zeitgenossen. Nicht der pflügende Bauer oder die Farben des Herbstwaldes hatten es dem arbeitslosen jungen Buchhalter angetan, sondern der selbsterlebte, bis anhin als unpoetisch geltende Alltag der Stadtbewohner, die Sorgen und Nöte der durch die Krise besonders hart getroffenen Arbeiter und Angestellten. Dass sein politisches Engagement nicht blutleere Theorie, sondern eine Sache des Mutes war, zeigte sich zwei Jahre später, als Ehrismann eine Gefängnisstrafe wegen Dienstverweigerung auf sich nahm. Schiffern und Kapitänen widmete er die wenigen, aber ebenso ergreifenden wie formvollendeten Gedichte, die auf Anregung Albin Zollingers damals entstanden, denn in der Zelle des Meilener Bezirksgefängnisses hatte er einen Spaltbreit Zürichsee vor Augen!
1934 gehörte Ehrismann, was gerne unterschlagen wird, zu den Mitbegründern und ersten Textern des »Cabaret Cornichon«, und zur Landesausstellung 1939 steuerte er mit Kurt Früh zusammen das lyrische Oratorium vom neuen Kolumbus bei: ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue, sozial gerechtere menschliche Gesellschaft. Ehrismann setzte das Bühnenwerk zwar 1946 mit Kolumbus kehrt zurück aktualisierend fort, und 1948 gab er mit dem Band Der letzte Brief auch als Erzähler ein vielversprechendes Debüt, aber seine eigentliche Domäne war und blieb dennoch das Gedicht. Unmöglich zu sagen, wie viele er in seinem Leben schon geschrieben hat. Die Bibliographie verzeichnet an die 25 Sammelbände, allein im Nebelspalter müssen in 31 Jahren über 1600 erschienen sein, nicht zu reden von den zahlreichen Versen, die er, um leben zu können, für Firmen und Stiftungen fabrizierte. Es grenzt an ein Wunder, dass die ungeheure Quantität seiner Produktion der Frische und genuinen Musikalität seines bänkelsängerischen Instrumentariums keinen Abbruch tat, obwohl er sich stets auf eine unkomplizierte, traditionelle Formensprache beschränkte und den Aussersihler Dialekt seiner Kindheit nur sparsam einsetzte. Auch ist er bei aller zeitweiligen Konjunktur niemals zum harmlosen Idylliker geworden, sondern hat nie aufgehört, das Unrecht beim Namen zu nennen und vor Bedrohungen zu warnen, die niemand wahrhaben will. So gesehen, mag man es bedauern, dass Ehrismann seit einigen Jahren nur noch für Freunde und Bekannte, aber nicht mehr für die Öffentlichkeit schreibt.
Zum Glück gibt's Jubiläen, und so wurde Ehrismanns 80. Geburtstag am 20. September 1988 denn auch zum Anlass für zwei späte Neuausgaben genommen. Der Classen-Verlag, Zürich, brachte die 1929 für die NZZ geschriebene Erzählung Der Dritte erstmals in Buchform heraus, während bei den Guten Schriften unter dem Titel Gegen Ende des 2. Jahrtausends eine à jour gebrachte Auswahl von Ehrismanns Postskripten erschien, ein Buch, das der unermüdlich lyrische Chronist als sein literarisches Vermächtnis verstanden wissen will.
Ehrismanns wichtigste Gedichte sind zugänglich in «Die Gedichte des Pessimisten und Moralisten Albert Ehrismann», Nebelspalter-Verlag, Rorschach 1972, und «Eine Art Bilanz». Gedichte aus 45 Jahren, GS-Verlag, Zürich 1973. (Literaturszene Schweiz)

Ehrismann, Albert

*Zürich 20.9.1908, ƒebd. 10.2.1998, Schriftsteller, lebte in Zürich. Ursprünglich Buchhalter, wandte sich E. in der Krisenzeit der 20er Jahre der Literatur zu und debütierte 1930 mit den Gedichten »Lächeln auf dem Asphalt«, die sich durch ihr soziales Engagement und den Einbezug der Stadt als Schauplatz von der damals modischen romantisierenden Naturlyrik unterschieden. Während der Strafverbüssung wegen Dienstverweigerung schrieb E. 1932 die Gedichte des Bandes »Schiffern und Kapitänen«. Mit Ausnahme etwa des Erzählbandes »Der letzte Brief« (1948) oder der beiden Kolumbus-Adaptionen (»Der neue Kolumbus«, dramatischeErzählung,1939; »Kolumbus kehrt zurück«, dramatische Legende, 1948) verfasste E., der sich auch Aufträgen von Presse und Werbung nicht verweigerte, ausschliesslich Gedichte. Am erfolgreichsten war er dabei mit seinen satirischen Zeitgedichten, die er während 30 Jahren wöchentl. im »Nebelspalter« veröffentlichte. Trotz der Fülle seiner Produktion wurde E. niemals zum harmlosen Idylliker. 1972 erschienen die »Gedichte des Pessimisten und Moralisten A.E.«, 1973 die Lyrikbände »Eine Art Bilanz« und »Mich wundert, dass ich fröhlich bin«. Anlässlich seines 80. Geburtstags veröffentlichte er 1988 u.d.T. »Gegen Ende des zweiten Jahrtausends« seine »Postskripte«, die er als Vermächtnis verstanden wissen wollte. E. wurde mehrfach ausgezeichnet, so erhielt er u.a. den C.-F.-Meyer-Preis 1940, den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 1975 und den Literaturpreis der Stadt Zürich 1978. (Schweizer Lexikon CH 91)

Ehrismann, Albert

* 20. 9. 1908 Zürich. - Lyriker. E. wuchs im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl auf u. entschloß sich nach einer kaufmänn. Ausbildung u. einem kurzen Deutschlandaufenthalt für die Existenz als freier Schriftsteller. Er lebt heute in Zürich.
Mit Ausnahme einiger kürzerer Erzählungen (Der letzte Brief. Zürich 1948) u. einzelner dramat. Versuche (Der neue Kolumbus. Zus. mit Kurt Früh. Zürich 1939. Kolumbus kehrt zurück. Zürich 1948) schrieb E. ausschließlich Lyrik, wobei sein Spektrum vom empfindsamen Liebesgedicht über gesellschaftskrit., kämpferische Strophen u. Kabarett-Texte bis hin zum Auftragsgedicht für Werbezwecke reicht. Vom Zürcher Lyrikerkreis um Hermann Hiltbrunner, Paul Adolf Brenner u.a. unterschied sich E. bereits mit dem Erstling Lächeln auf dem Asphalt (Zürich 1930) durch sein bewußtes polit. Engagement (1932 wurde er wegen Dienstverweigerung verurteilt), die größere Publikumsnähe u. den oftmals an Villon erinnernden bänkelsängerischen Ton. Darum konnte E., der sich seine Hellhörigkeit für bedrohl. Entwicklungen stets bewahrte, auch nach 1968 noch als gewichtige aufklärerische Stimme Gehör finden, während die bis 1950 maßgebl. ästhetisierende Naturlyrik eher in Vergessenheit geriet. E., der auch zu den Begründern des legendären Schweizer »Cabaret Cornichon« ge-hörte, publizierte über 30 Jahre hinweg seine satir. Gedichte mit großem Erfolg in der humoristischen Zeitschrift »Nebelspalter«. 1978 erhielt er für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Stadt Zürich.
WEITERE WERKE: Schiffern u. Kapitänen. Zürich 1932. - Sterne v. unten. Zürich 1939. - Das Stundenglas. Zürich 1948. - Morgenmond. Zürich 1951. - Ein ganz gewöhnl. Tag. Zürich 1954. - Die Himmelspost. Zürich 1956. - Riesenrad der Sterne. Zürich 1960.- Heimkehr der Tiere in der Hl. Nacht. Zürich 1965. - Die Gedichte des Pessimisten u. Moralisten A. E. Rorschach 1972. - Eine Art Bilanz. Zürich 1973. - Mich wundert, daß ich fröhlich bin. Zürich 1973. - Inseln sind keine Luftgespinste. Zürich 1977. - Gegen Ende des zweiten Jahrtausends. Postskripte. Zürich 1988.
(Bertelsmann Literaturlexikon)