Konrad Falke

Der Name Mensch in Gefahr war jener NZZ-Artikel überschrieben, der im November 1933 in zahlreichen Abschriften unter den Berlinern zirkulierte und der aus schweizerischer Perspektive und in grossartig klarer Formulierung all das zum Ausdruck brächte, was angesichts des allmählich sichtbar werdenden Nazi-Terrors im Namen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu sagen war. An die schweizerischen Landsleute gewandt, gipfelte der Text in den Worten: »Heute dir, morgen mir! Ein Volk, das gegen ein Verbrechen an der Menschenwürde nicht mehr seine Stimme erhebt und sich durch Schweigen zum moralisch Mitschuldigen macht, das wird an dem Tage, an dem es für sich selbst einzustehen hat, mit dem Fluche der Feigheit geschlagen sein: der Schwäche. « Autor des Artikels war nicht etwa ein NZZ-Redaktor, sondern der Zürcher Privatier, Kunst- und Literaturmäzen, Universitätsdozent und Schriftsteller Konrad Falke, dreiundfünfzig - nicht bloss im materiellen, sondern vor allem im geistigen Sinne einer der freiesten und unabhängigsten Männer seiner Epoche.
Schon 1914 hatte Falke sich, obwohl er wie Spitteler mit seinem eigenen schriftstellerischen Schaffen zutiefst in der idealistischen deutschen Tradition wurzelte, unmissverständlich gegen den deutschen Überfall auf Belgien ausgesprochen, und 1920 riet er nur deshalb von einem Eintritt der Schweiz in den Völkerbund ab, weil er den nächsten Krieg mit geradezu unheimlichem Weitblick auf Europa zukommen sah.
Ab 1933 setzte er sich in Artikeln und Reden kompromisslos wie kaum ein anderer Schweizer gegen die braune Gefahr zur Wehr. Ein weiterer Höhepunkt war dabei sein Aufsatz Hakenkreuzigung der Kunst im zweiten Heft der seit 1937 von ihm selbst und Thomas Mann herausgegebenen Zeitschrift Mass und Wert - eine Abrechnung mit Hitlers Kunstpolitik, die in der Zeit selbst wohl überhaupt die klarste und deutlichste Zurückweisung der anmassenden faschistischen These von der »entarteten Kunst« darstellte. Als der Krieg ausbrach, befand sich Konrad Falke, der Schweizer, wie so viele andere Nazi-Gegner in Amerika. Dort, in Eustis, Florida, ist er am28. April 1942 mit 62, Jahren an Typhus gestorben.
Was er an Literarischem hinterliess, ist der grossangelegte, eigene idealistische Sehnsüchte verkörpernde Roman Der Kinderkreuzzug von 1924, der faszinierende, unorthodoxe und doch tief christliche Bibel-Roman Jesus von Nazareth (posthum 1950 publiziert) sowie fünf voluminöse, auf eigene Kosten erschienene Bände mit nie gespielten klassizistischen Schauspielen. Was keinesfalls in Vergessenheit geraten darf, ist die Erinnerung an einen verantwortungsbewussten Schriftsteller und Denker, dessen Aufsätze und Reden gegen Hitler in Sachen Mut und Zivilcourage eine ganze Reihe berühmterer Zeitgenossen beschämen mussten. Das Andenken an einen wohlhabenden, grossbürgerlichen Schweizer, der bewiesen hat, dass kämpferischer Antifaschismus auch damals nicht unbedingt nur eine Reaktion der unmittelbar Betroffenen oder eine Tugend der Linken zu sein brauchte.
(Literaturszene Schweiz)

Falke, Konrad

eigtl. Karl Frey, *Aarau 19.3.1880, Eustis (Florida, USA) 28.4.1942, Schriftsteller. Als Sohn eines Aarauer Bankdirektors habilitierte F. nach Studien in Neuenburg, Heidelberg und Zürich für Literaturgeschichte an der Univ. Zürich und lebte ab 1912 als freier Schriftsteller und Privatgelehrter. Als einer der unabhängigsten Männer seiner Epoche griff F. zeitlebens immer wieder mit mutigen, unorthodoxen Voten in die öffentl. Diskussion ein. Ab 1933 bekämpfte er – u.a. in der zus. mit T. Mann gegr. Ztschr. »Mass und Wert« (1937-40) – unmissverständl. die faschist. Tendenzen im In- und Ausland. F., der sich v.a. als Dramatiker verstand (»Dramat. Werke« in 5 Bde., 1930-33), leistete sein Bedeutendstes in den beiden umfangreichen histor. Romanen »Der Kinderkreuzzug« (1924) und »Jesus von Nazareth« (postum 1950 erschienen). … Lit.: Inderbitzin, Z.: K.F. Sein Leben, seine Werke, Diss., Luzern 1958; Baltensweiler, T.: Mass und Wert – die Exilztschr. von Thomas Mann und K.F., Diss., Bern 1996. (Schweizer Lexikon CH 91)


Falke, Konrad

eigentl.: Karl Frey, * 19. 3. 1880 Aarau, † 28. 4. 1942 Eustis/USA. - Erzähler u. Essayist.

Der Sohn vermögender Eltern arbeitete nach juristischen, philolog. u. philosophischen Studien in Neuenburg, Heidelberg u. Zürich (Dr. phil. 1903) einige Zeit als Literaturdozent in Zürich, um dann ab 1912 abwechselnd in Italien u. am Zürichsee das Leben eines freien Schriftstellers u. Gelehrten zu führen. Dennoch griff F. schon früh mit dezidierten u. mutigen, unorthodoxen Stellungnahmen in die polit. u. kulturelle Diskussion seiner Zeit ein. 1914-1918 gehörte er zu den erklärten Gegnern des dt. Imperialismus, u. ab 1933 setzte er sich in Artikeln u. Reden kompromißlos wie kaum ein anderer Schweizer gegen den Faschismus zur Wehr. Wichtig wurde in dieser Frontstellung die von F. u. Thomas Mann gegründete, 1937-1940 in Zürich erschienene Exilzeitschrift »Mass und Wert«. Daß F. von den Nationalsozialisten ernst genommen wurde, belegt die Tatsache, daß sein Essay Machtwille und Menschenwürde (Zürich 1934) 1937 auf der »Liste schädlichen und unerwünschten Schrifttums« figurierte. Literarisch hatte F. früh als Dramatiker debütiert, geriet aber mit seinen einer klassizistisch-idealistischen Tradition verpflichteten Schauspielen immer mehr in den Windschatten der zeitgenöss. Bühnenpraxis. Das änderte sich auch nicht, als er 1930-1933 seine dramat. Produktion auf eigene Kosten in fünf Bänden drucken ließ. Gewichtiger ist seine Leistung als Erzähler, die in zwei großen, zweibändigen Romanen gipfelte: Der Kinderkreuzzug. Ein Roman der Sehnsucht (Zürich 1924. 31934), eine ins Historische des MA verlegte Utopie, u. Jesus von Nazareth (postum Zürich 1950), eine undogmat. Interpretation von Jesu Leben u. Wirken. Beide Werke zeugen von der religiösen Dimension seines humanen Idealismus u. gestalten seinen Glauben an eine Veränderbarkeit der Menschenwelt.
WEITERE WERKE: Francesca da Rimini. Aarau 1904 (D.). -Dichtungen. Aarau 1904 (L.). - Die ewige Tragödie. Zürich 1909 (3 Einakterzyklen). - Im Banne der Jungfrau. Zürich 1909 (Ess.). - Carmina Romana. Zürich 1910 (L.). - Kainz als Hamlet. Zürich 1911 (Ess.). - Astorre. Zürich 1912 (D.). - Der schweizer. Kulturwille. Zürich 1914 (Ess.). - San Salvatore. Zürich 1916 (E.). - Die Gefahren der Schweiz. Zürich 1918 (Ess.). - Dantes Divina Commedia. Zürich 1921. 21947 (Übers.). - Marienlegenden. Zürich 1926 (Übers.). - Schicksalswende. Zürich 1932 (Ess.). - Was geht vor in der Welt? Zürich 1938 (Ess.).
LITERATUR: Zeno Inderbitzin: K. F. Sein Leben, seine Werke. Diss. Luzern 1958.
(Bertelsmann Literaturlexikon)