»Ich bin krank von dem Gedanken, wie die Erde sein sollte und wie sie nicht ist.« Hauptmann Freudiger bekennt dies dem Gericht, das ihn wegen Desertion verhören soll. Es ist die Zeit um 1917, und Freudiger hat Truppe und Vaterland verlassen wollen, um unter dem Namen Jan Landa ein neues Leben zu beginnen. Das Eingeständnis kommt dem Gericht nur gelegen, hofft es doch, »den Fall bald als Krankheit aus den Händen geben« zu können - was sich allerdings dann infolge plötzlichen Ablebens des Angeklagten erübrigt.
Der Fall gehört in den 1921 erschienenen Roman Der Gotteskranke von Alfred Fankhauser. Es ist dies ein Buch, das so ziemlich alles Lügen straft, was während und nach dem Ersten Weltkrieg im Gefolge von Faesis Füsilier Wipf an schweizerischer Grenzbesetzungsliteratur produziert worden ist. Nachdem schon sein Drama Der Chrütztwäg (1917) mit dem hemdsärmlig-lustigen, aber oberflächlichen Heimatschutztheater gebrochen und eine erschütternde Bauerntragödie auf die Bühne gebracht hatte, befand sich Fankhauser 1921 mit dem Gotteskranken stilistisch und thematisch im Einklang mit der europäischen literarischen Avantgarde der Zeit. Seine Figuren sind ergriffen und gequält von göttlichen und dämonischen Mächten, die Gestaltung geht vom linearen Erzählen über in Visionen von expressiver Bildkraft. Keine Frage auch, dass der Autor Begriffe wie Kirche, Vaterland, Landesverteldigung, Ehe usw. radikal in Frage stellt und nach dem Absoluten einer höheren, alle menschliche Sehnsucht befriedigenden Wahrheit sucht. Anders ausgedrückt: dieses nach ausländischem Vorbild expressionistische Buch stellte, falls es Schule machen sollte, unbedingt eine Gefahr für jene »Schweizerliteratur« dar, die z. B. Otto von Greyerz als unverdrossener Gralshüter in eine ferne Zukunft hinüberretten wollte. Im Unterschied zu Fankhausers Erstling Peter der Tor, den er den Lesern » so warm man nur kann« empfohlen hatte, verriss Otto von Greyerz darum den Gotteskranken im Bund vom 14.8. 1921 gnadenlos. »Einsiedlerisch, grüblerisch, unmitteilsam und ungesellig« nannte er den ihm bestens bekannten Autor, sprach ihm schlicht das Können ab, mass seine »traumhaft flüchtigen, oft fratzenhaft verzerrten, oft unfassbar symbolhaften Gestalten« an Mörikes »sonnigem Behagen« und diagnostizierte im Jahre 1928 insgesamt »mehr Krankheitsanalyse als Dichtung«.
Nicht alle Opfer des Berner Literaturpapstes waren so widerstandsfähig wie Alfred Fankhauser, der wenige Jahre später sein - vom bewussten Kritiker allerdings ignoriertes - expressionistisches Meisterwerk Die Brüder der Flamme vorlegte und überhaupt ein bedeutendes episches Gesamtwerk schuf, wenn es auch von der Schweizer Kritik noch immer nicht wirklich rezipiert worden ist. Herrn von Greyerz aber wischte Fankhauser sogar noch eins aus, indem er ihn 1922 in der köstlichen Satire Tobias Moor als Wolf von Hering karikierte und zu ewigem Wiederkäuen in der Hölle verurteilen liess, weil er sich als Kritiker »zu richten vorgenommen, / ahnungslos, worauf es angekommen ... «
«Die Brüder der Flamme» kamen 1983 erstmals zusammen mit den dafür gedachten Holzschnitten von Werner Neuhaus und einem Nachwort von Charles Linsmayer in der Ex Libris-Edition »Frühling der Gegenwart« heraus. 2.Aufl. 1990 Suhrkamp-Verlag, Frankfurt. (Literaturszene Schweiz)
Fankhauser, Alfred
*Gysenstein (BE) 4.11.1890, Bern 22.2.1973, Schriftsteller, Journalist und Astrologe. Der Sohn eines Emmentaler Lohnkäsers schrieb als Primarlehrer 1914 seinen ersten Roman, der 1918 als »Peter der Tor und seine Liebe« erschien. Nach einem Studium in Geschichte und Psychologie (1920 Dr. phil.) und den Erfahrungen der Grenzbesetzung publizierte er 1921 seinen expressionist. Roman »Der Gotteskranke«, der ihm einen Verriss des massgebl. »Bund«-Kritikers O. von Greyerz eintrug. F. arbeitete in der Folge als Journalist für die sozialist. »Berner Tagwacht«. 1923 erschien sein Jugendroman »Vorfrühling«. Vorläufiger Höhepunkt seiner Epik war 1925 der Ketzer-Roman »Die Brüder der Flamme«, ein Schlüsselwerk des schweiz. Expressionismus, zu welchem W. Neuhaus 12 Holzschnitte schuf, die allerdings erst 1983, anlässl. der von C. Linsmayer besorgten Neuausgabe, ins Buch Eingang fanden. Nach dem Misserfolg der »Brüder«-Fortsetzungen »Engel und Dämonen« (1926) und »Der Herr der inneren Ringe« (1929) wandte sich F. der Astrologie zu, deren anerkannter Fachmann er in den 30er Jahren wurde (»Astrologie als kosm. Psychologie«, 1927; »Das wahre Gesicht der Astrologie«, 1932). Erst ab 1940 tat er sich wieder als Erzähler hervor und bewährte sich mit Büchern wie »Der Messias« (1940), »Wahlenwart« (1944), »Von Frühling zu Frühling« (1944), »Denn sie werden das Erdreich besitzen« (1947) und »Die Allmend« (1952) als Meister einer absolut unchauvinist., sozial engagierten, utopist.-sozialist. »Heimatkunst«. F., der auch als Mundartdramatiker Aussergewöhnliches schuf (»Der Chrützwäg«, 1917) und sich während des Nat.-Soz. als erklärter Sozialist immer wieder mit mutigen Statements zu Wort meldete, fand zuletzt nur noch bei der Büchergilde Publikationsmöglichkeiten und gab das Schreiben ab 1953 resigniert zugunsten der Malerei auf. (Schweizer Lexikon CH 91)
Fankhauser, Alfred
* 4. 11. 1890 Gysenstein/Kt. Bern, 22. 2. 1973 Bern. - Journalist, Schriftsteller u. Astrologe.
Der Sohn eines Lohnkäsers mit ständig wechselndem Arbeitsort wuchs in verschiedenen Dörfern des Emmentals auf, bis er 1906 ins evang. Lehrerseminar Muristalden/Kt. Bern eintrat u. sich zum Primarlehrer ausbilden ließ. Die erste Lehrerstelle im unteremmentalischen Rothenbaum wurde zum Schauplatz von F.s erster Erzählung Rosenbaum. Aus Peter Buchers Tagebuch, die 1914 in der »Berner Woche« erschien u. 1918 u. d. T. Peter der Tor und seine Liebe in München einen Verlag fand. 1915 immatrikulierte sich F. an der Universität Bern, um zunächst das Sekundarlehrerdiplom zu erwerben u. dann Geschichte u. Psychologie zu studieren. Durch die Bekanntschaft mit Karl Radek wurde er 1915 mit sozialistischen Ideen vertraut, die sich im Dialektstück Der Chrützwäg widerspiegeln. Auf Anregung Simon Gfellers für Otto von Greyerz' »Berner Heimatschutztheater« geschrieben, wurde das Stück nach der erfolgreichen Uraufführung von 1917 tabuisiert, da es den Erwartungen der Auftraggeber zwar in künstlerischer, nicht aber in politisch-ideolog. Hinsicht entsprach. Nach der Promotion zum Dr. phil. arbeitete F. ab 1920 bis zu seinem Tod als Theaterrezensent u. Kolumnist der sozialdemokratischen Tageszeitung »Berner Tagwacht«. Sein expressionistischer Antikriegsroman Der Gotteskranke (Mchn. 1921) wurde nach Erscheinen vom damals führenden Berner Kritiker Otto von Greyerz gnadenlos verrissen, worauf F. den selbstherrl. Rezensenten in seiner Satire Tobias Moor (Bern 1922) humorvoll zur Hölle schickte.
Die Reihe seiner reifen Prosawerke begann F., der auch Lyriker war (Tag und Nacht. Bern 1924), mit dem poetischen, autobiographischen Kindheitsroman Vorfrühling (Zürich 1923). 1925 erschien, ebenfalls bei Grethlein in Zürich, sein Wiedertäufer-Roman Die Brüder der Flamme. Darin verarbeitete er histor. Ereignisse, die sich in der Mediationszeit in Bern u. Umgebung abspielten u. 1802-1807 in verschiedenen Ketzerprozessen gegen die sog. Antonianer-Brüder gipfelten. F. läßt seine Hauptfigur, den seherisch begabten Bauern Samuel Glanzmann, zum gedemütigten u. öffentlich angeprangerten Ketzer u. Rebellen wider die bernische Obrigkeit werden, bis er schließlich der ird. Gerechtigkeit entkommt u. sich in einem ekstat., auch vom Stil her typisch expressionistischen Schlußfanal durch einen vom Himmel herabfahrenden Blitz selber richtet. Der expressionistische Künstler Werner Neuhaus (1897-1934) ließ sich vorn Text zu zwölf Holzschnitten inspirieren, die allerdings erst 1983 in die Neuausgabe (hg. von Charles Linsmayer. Zürich) Eingang fanden. Die beiden Fortsetzungsbände Engel und Dämonen (Bln. 1926) u. Der Herr der inneren Ringe (Bln. 1929) erreichten bei weitem nicht mehr die Kraft von Die Brüder der Flamme u. ließen schon sehr stark den Einfluß der Astrologie erkennen, der sich F., angeregt durch den Maler Johann Robert Schürch, inzwischen auch beruflich zugewandt hatte. Mit Werken wie Astrologie als kosmische Psychologie (Bern 1927) oder Das wahre Gesicht der Astrologie (Zürich 1932) suchte er die Astrologie in den Rang einer ernstzunehmenden Wissenschaft zu erheben. Ab 1940 wandte sich F. überraschend erneut der Erzählkunst zu u. schuf mit Der Messias (Zürich 1940), Wahlenwart (Zürich 1944), Von Frühling zu Frühling (Zürich 1944), Denn sie werden das Erdreich besitzen (Zürich 1947) u. Die Allmend (Zürich 1952) eine Reihe von Romanen, die einer Erneuerung der Gesellschaft aus den Gedanken der sozialen Solidarität, der gelebten Sinnlichkeit u. aus den Werten des naturverbundenen bäuerl. Lebens heraus das Wort reden u. in ihrer zeitgeschichtl. Bedeutung wie auch in ihrem literar. Wert noch immer zu entdecken sind. Neben der Problematik der Verstädterung u. der Entfremdung des Menschen von seinen Ursprüngen ist in diesen Romanen auch immer wieder die Frage der ehel. Lebensgemeinschaft angesprochen u. mit z. T. originellen Ideen beantwortet. F., der fünfmal verheiratet war, konnte dabei aus dem Fundus seiner reichen persönl. Erfahrungen schöpfen. Neben der erzählerischen pflegte F. auch in späteren Jahren wieder die dramat. Literaturgattung, zu der er nicht nur eine ganze Reihe berndeutscher Schauspiele beisteuerte (u. a. E Schatte fallt, es Liecht geit uf. Bern 1946. Vo wyt här. Elgg 1949), sondern auch das 1930 von 900 Mitwirkenden in Bern uraufgeführte »sozialistische Festspiel« Völkerfreiheit oder das kämpferische Agitationsstück Der neue Michael Kohlhaas (Bern 1935), wie F. ja überhaupt in der Zeit des Faschismus zu dessen furchtlosen Kritikern zählte. Für die Büchergilde Gutenberg, die sein Spätwerk herausbrachte, war er als Übersetzer tätig.
F., der schon zu Lebzeiten als Autor praktisch vergessen war, wandte sich in seinen späten Jahren der Malerei zu u. hinterließ bei seinem Tod über 200 Natur- u. Landschaftsgemälde.
WEITERE WERKE: Das Urlaubsgesuch. E. vom Schweizer Grenzdienst. Einsiedeln 1916. - Madonna. Drei Legenden. Bern 1922. - Von den Werten des Lebens. Bern 1922 (Ess.). - Der König dieser Welt. Bern 1925 (D.). - Die Hand der Mutter. Basel 1926 (E.). - Iwan Petrowitsch. Bln. 1926 (E.). - Eine Mutter sucht ihren Sohn. Zürich 1932 (E.). - Grauholz u. Neuenegg. Bern 1940 (D.). - Lied u. Gleichnis. Bern 1948 (L.). - Gsuecht wird: e Maa. Bern 1952 (D.). - Wär isch der Sünder? Elgg 1954 (D.). - Gottesgab. Elgg 1954 (D.). - Salomo vo Blindebach. Elgg 1956 (D.).
LITERATUR: Charles Linsmayer: «... krank v. dem Gedanken, wie die Erde sein sollte u. wie sie nicht ist». Leben u. Werk des Berner Schriftstellers A. F. In: A. F.: Die Brüder der Flamme. Mit 12 Holzschnitten v. Werner Neuhaus. Neu hg. v. Charles Linsmayer in: Frühling der Gegenwart. Bd. 28, Zürich 1983, Neuausg. Suhrkamp, Frankfurt 1990 Charles Linsmayer: Ein literarisch-künstlerisches Gesamtkunstwerk von hinreissender Kraft. Alfred Fankhausers Roman «Die Brüder der Flamme» und die zwölf Holzschnitte, die Werner Neuhaus dazu schuf.» in ;Werner Neuhaus, «Maler zweier Welten», Fischer-Media, Münsingen 1997.
(Bertelsmann Literaturlexikon)
