Im 1925 gegründeten «New Yorker» erschien von allem Anfang an und bis 1972 alle zwei Woche eine Kolumne, die «Letter from Paris» hiess und unter dem Namen Genêt auf unverwech-selbar eigene Weise darüber informierte, was in Europa pass-ierte. Lindberghs Atlantikflug wurde kommentiert, aber auch der Auftritt Hitlers an der Olympiade 1936, und von Picasso bis Strawinsky und von Sartre bis Josephine Baker gibt es keine prominente Erscheinung, die da nicht porträtiert worden wäre.
Genêt war nichts anderes als die französische Aussprache von Janet, und hinter den Essays verbarg sich mit der am 13. März 1892 in Indianapolis geborenen und am 7.November 1978 in New York verstorbenen Janet Flanner eine Frau, von der Luise F.Pusch sagen sollte, sie und Natalia Danesi Murray hätten «in den dunklen Jahren zwischen 1940 und 1970, als die erste Frauenbewegung lange vorbei und die zweite noch nicht da war, den Feminismus kühn und selbstverständlich gelebt.»
Der Selbstmord ihres Vaters, eines Krematoriumsbesitzers, ka-tapultierte die 20jährige aus der vorgesehenen Laufbahn und aus dem Quäkermilieu hinaus. Sie wurde Journalistin und hei-ratete 1918 in New York den Studienfreund William Lane. Schon 1919 begann sie mit der Journalistenkollegin Solita Solano ihre erste lesbische Beziehung. Ab 1921 lebte sie mit ihr in Paris, wo sie in den Kreis um Gertrude Stein Eingang fand. Die Beziehung zu Solita Solano ging auch weiter, als sie 1932 die Sängerin Noël Haskin Murphy kennenlernte, und sie zer-brach auch nicht endgültig, als sie 1939 der Liebe ihres Lebens, der Italienerin Natalia Danesi Murray, begegnete. So chaotisch ihr Privatleben verlief, als Journalistin setzte Janet Flanner Massstäbe und liess in ihrer wachen Neugierde auf Menschen und Schicksale erst nach, als sie unheilbar krank war und von ihren Freundinnen liebevoll gepflegt wurde. Ihr schönstes Erbe sind denn auch ausser dem Kolumnenband «An American in Paris» die unter dem Titel «Darlinghissima» 1986 publizierten Briefe an Natalia Danesi Murray.