«Nach dem deutschen Einmarsch in Wien, 1938, der mich aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte, und nach der Ermordung meines – unpolitischen – Vaters durch Gestapo-Beamte, nahm ich mir vor, wenn ich lebend entkäme, zu tun, was mein Vater in den letzten zwölf Jah-ren seines Lebens vergeblich tun wollte – Schriftsteller zu werden. Ich wollte gegen Faschismus, Rassismus und Austreibung unschuldiger Menschen schreiben.» Die Sätze schrieb Erich Fried, geboren am 6.Mai 1921 in Wien, gestorben am 22.November 1988 in Baden-Baden. 1938 war er den Nazis tatsächlich entkommen. Er liess sich in London nieder, jobbte als Hilfs-arbeiter und Bibliothekar und schleuste weitere 73 Personen aus Österreich heraus. Nach dem Krieg wurde er Kommentator bei der BBC und übersetzte Shakespeare, T.S. Eliot und Dylan Thomas ins Deutsche. Vor allem aber setzte er den Vorsatz von 1938 in die Tat um und wurde einer der erfolgreichsten und provokantesten politischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt war der Holocaust, dem seine halbe Familie zum Opfer gefallen war. «Was ist Leben/nach soviel Tod?» fragte er sich und sah im eigenen Überleben ein unverschuldetes Glück: «Wie oft/muss ich sterben/dafür/ dass ich dort /nicht gestorben bin?» Nach 1960 aber stand Fried der Politik Israels nicht weniger kritisch als derjenigen Deutschlands gegenüber: «Als wir verfolgt wurden / war ich einer von euch /Wie kann ich das bleiben /Wenn ihr Verfolger werdet?» Deutschland aber stiess Fried vor den Kopf, als er 1972 die Erschiessung eines Studenten durch die Berliner Polizei als «Vorbeugemord» bezeichnete und 1977 in «Vor und nach Ulrike Meinhofs Tod» um Verständnis für die «Empörer» warb. Um so grösser war dann die Überraschung, als Fried, der dreimal verheiratet und Vater von sechs Kindern war, 1979 mit seinen 150 000 mal verkauften «Liebesgedichten» so exakt den Ton der Zeit traf, dass er zum Lieblingsdichter einer ganz jungen Generation wurde.