Wie eine stumme Anklage bleibt es einem im Gedächtnis haften, das Bild des Indiomädchens aus Honduras, das vor der Wellblechhütte von einem Lastwagen überfahren wird, so dass das rote Band, das es im Haar trug, neben seine braune Hand zu liegen kommt. «Pitschna indiana / cul bindè cotschen / Dasper teis man brün» endet das Gedicht, und das Erstaunliche daran ist, dass es sich ohne weiteres in die grosse Lyrik des 20.Jahrhunderts einreiht und doch nicht in einer Weltsprache, sondern im ladinischen Idiom des Engadiner Dorfes Ramosch geschrieben ist.
Obwohl ihre ersten Verse 1960 im «Chalender Ladin» erschienen und sie die zwei Lyrikbände «Mumaints» (Momente) und «Inscunters» (Begegnungen) auf eigene Kosten drucken lassen musste, war Luisa Famos alles andere als eine Engadiner Heimatdichterin. Am 7.August 1930 in Ramosch geboren, wurde sie Primarlehrerin und unterrichtete nicht nur in Graubünden, sondern auch im Kanton Zürich, ehe sie 1969 mit dem Ingenieur Jürg Pünter und ihren beiden Kindern für drei Jahre nach Südamerika zog.
Zur Dichterin aber war sie 1959 in Paris geworden, als sie die Felder, die Tannen, die Blumen, die Schwalben, die Menschen des Engadins evozieren wollte und erkannte, dass ihr das nur in ihrer eigenen Sprache, dem Ladin, wirklich gelingen konnte. Getragen von einer natürlichen Frömmigkeit, sehnsüchtig nach Liebe und Zärtlichkeit, wusste sie, ohne je rührselig zu werden, mit ihrem genuinen Sprachtalent dem Bild einer Wolke, dem Läuten der Kirchenglocken, dem Blick zu den Sternen eine leuchtende, lange nachwirkende Intensität abzugewinnen, zog aber von allem Anfang an auf berührende Weise auch den Tod in ihr Schreiben mit ein.
«L’ala da la mort / M’ha tocca» / «Der Flügel des Todes / hat mich berührt» beginnt eines der bewegendsten Gedichte der Dichterin, die der Nachwelt für immer als schöne junge Frau in Erinnerung bleiben wird. Denn kurz bevor es im Band «Inscunters» erschien, war Luisa Famos am 28.Juni 1974 mit 43 Jahren in Ramosch einem heimtückischen Krebsleiden erlegen.
