«Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: in der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.» Franz Fühmann schrieb die Sätze ein Jahr vor seinem (Krebs-)Tod mit 62 Jahren am 8. Juli 1984 in Ost-Berlin. Wie kein anderer hat er in seinem Leben und Werk alle ideologischen Wandlungen durchgemacht, die im 20.Jahrhundert in Deutschland angesagt waren. 1938 trat der ehemalige Jesuitenschüler der Reiter-SA bei, 1941 ging er freiwillig zur Wehrmacht, war in der Ukraine und in Griechenland im Einsatz, während in «Das Reich» seine ersten, parteikonformen nationalsozialistischen Gedichte erschienen. Dann, in russischer Gefangenschaft und in der Antifa-Schule Noginsk, wurde er zum gläubigen Marxisten, und ab 1949 war er mit Hymnen zu allen möglichen Parteianlässen und mit Erzählungen wie jenen des Bands «Das Judenauto» (1962), wo die NS-Ideologie ebenso verdammt wie die kommunistische absolut gesetzt wird, ein DDR-Vorzeigedichter par excellence: «Die Gefangenschaft/ wird zum Beginn der Freiheit/ und Stalingrad wird Wende und Errettung, wird Durchgang / in einen lichten Tag...» Bis Fühmann, der in vielen Formen zu Hause war und nicht zuletzt wunderbare Kinderbücher schrieb, 1973 in Ungarn auch das DDR-Modell zu hinterfragen begann und erkannte, dass die Lehren aus Auschwitz der Grund gewesen waren, dass er sich den neuen Ideologen «mit ausgelöschtem Willen als Werkzeug zur Verfügung» gestellt hatte. Er distanzierte sich vom DDR-Kulturbetrieb, unterzeichnete 1976 den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Biermanns und löste sich 1982 im Essay «Der Sturz des Engels» mit Blick auf Georg Trakl fast ganz von der DDR-Literaturdoktrin. Er setzte sich für die Friedensbewegung ein, versuchte seinen Einfluss auf Politiker und Funktionäre geltend zu machen und musste zuletzt doch resignieren. Schwer krebskrank, stellte er am Ende die Arbeit an seinem lebenslang vorbereiteten «Bergwerksprojekt» ein, gab dem Typoskript aber noch den Untertitel, den es bei seinem Erscheinen 9 Jahre nach seinem Tod und vier Jahre nach dem Untergang der DDR auch wirklich tragen sollte: «Fragment eines Scheiterns».