Hans Ganz 18901957

«Diejenigen unter uns, denen es vergönnt war, ihn in seiner frühen Jugend zu kennen, bewahren die Erinnerung an eine strahlende, hinreissende Erscheinung. Kraft, Gesundheit, Wagemut trugen damals in mächtigen Wellen sein beständig schöpferisches Wirken.» So erinnerte sich Carl Jacob Burckhardt, der mit ihm zusammen das Landerziehungsheim Glarisegg besucht hatte, später an den am 9. März 1890 als Sohn eines Zürcher Fotografen geborenen Hans Ganz. Und genau diese Tugenden besass auch Peter Sineysen, der Protagonist seines 1915 publizierten Romanerstlings «Peter das Kind». In grossen Teilen autobiografisch, teils als Bericht eines Erzählers, teils als Briefroman konzipiert, vermittelt das Buch viel vom Lebensgefühl der Generation, die vor und während des Ersten Weltkriegs erwachsen wurde, und das teils vom ersehnten Aufbruch in ein neues Jahrhundert, teils aber auch von der Melancholie des Fin de Siècle geprägt war. Was deutlich in jenem Brief zum Ausdruck kommt, den Peter Sineysen seinem Freund Franz schreibt, bevor er sich in Leutnantsuniform auf seinem Pferd Daisy in die Via­Mala­Schlucht hinunterstürzt: «Auf ihr Jünglinge, ihr Mädchen! Legt eure Körper ab, die euch lästig sind im endlosen Hoffen eurer Seelen! Horcht nicht auf die Gewöhnlichen, die das Leben verstümmelt hat, welche das Grosse verlernten unter dem täglichen Verlangen nach Wohltat und Besserung. Wer Kraft hat für das Ewige, für das von Menschen Ungeschaute, folge mir nach über das brausende Meer des Todes hinaus in das glitzernde Weltall! Segnet das Zeitliche, grüsst die erdbeklommenen Freunde und Verwandten und tanzt hinaus, um Ewigkeit zu lernen.» Hans Ganz, der am 27. Juli 1957 in Zürich starb, hat sich nicht nur als Schriftsteller versucht neben «Peter das Kind» haben sich ein weiterer Roman, zehn dramatische Werke, Gedichte, Reiseberichte und eine Pestalozzi­Biografie erhalten , er betätigte sich mit gleicher Hingabe auch als Maler und Komponist. Im literarischen Bereich aber bleibt der in der Nähe des Expressionismus angesiedelte Entwicklungsroman «Peter das Kind» seine gewichtigste Leistung. Zwar sind die Schwächen des Buches etwa die Unterteilung in drei nur schwer zusammenpassende ungleichgewich tige Teile unverkennbar, und doch liest man es auch heute noch nicht ohne Betroffenheit. Denn eines ist gewiss: Obwohl die seltsame literarische Orgie der Todessehnsucht in privaten Erlebnissen wurzelt, hat sie ihre Bedeutung doch auch in einem grösseren literaturgeschichtlichen Zusammenhang. Zu seinen Verwandten gehören immerhin Thomas Manns «Tonio Kröger», Hesses «Demian», Robert Walsers «Jakob von Gunten», Alain­Fourniers «Grand Meaulnes», und mit Blick auf die Schweiz stellt der Roman einen frühen Fall jener Verweigerungsliteratur dar, wie sie später etwa in Lore Bergers «Barmherzigem Hügel», in Max Frischs «Stiller» oder in Fritz Zorns «Mars» wiedererstehen sollte. Der junge Hans Ganz war aber alles andere als ein literarischer Schwärmer und gehörte auch persönlich zu den revolutionär Entflammten. In «Die frühen Jahre» erzählt Kurt Guggenheim von konspirativen Sitzungen, in denen Ganz die zur Dienstverweigerung Entschlossenen in seiner Zürcher Wohnung um sich versammelte, und als 1917 in Russland die Revolution ausbrach, liess Oberleutnant Ganz seine Einheit antreten und ein Hoch auf den politischen Umsturz ausbringen. Worauf er, wie es so schön heisst, «zur Disposition gestellt» wurde.

Ganz, Hans
*Zürich 9.3.1890, †ebd. 27.7.1957, Maler, Komponist und Schriftsteller. Der Sohn eines vermögenden Zürcher Porträtphotographen besuchte 1902-05 das Landerziehungsheim Glarisegg, wo er sich mit mehreren später berühmten Zeitgenossen (u.a. C.J. Burckhardt) befreundete und in Schulleiter W. Zuberbühler einen langjährigen Förderer fand. Nach der Matura in Zürich studierte G. Philosophie in Basel, München, Berlin, Göttingen und Leipzig, veröffentlichte aber bereits vor der Promotion (1917) seine bedeutendsten literar. Werke: die kühn-expressive Tragödie »Tereus« (1910) und seinen einzigen Roman »Peter das Kind« (1915), die z.T. in Briefform gehaltene, meist in Glarisegg spielende Lebensgeschichte von Peter Sineysen, der innerl. an seiner Zeit zerbricht und sich, um die Jugend der Welt zu einem neuen Aufbruch zu bewegen, in Leutnantsuniform zu Pferd in die Via-Mala-Schlucht hinunterstürzt. G., der im 1. Weltkrieg in Zürich pazifist. Intellektuelle um sich versammelte und 1917 als Offizier zur Disposition gestellt wurde, lebte ab 1920 als Maler, Komponist und Journalist in Zürich. Bemerkenswert ist auch seine Biographie »Pestalozzi - Leben und Werk« (1946), die ein für die damalige Zeit erstaunl. unkonventionelles Bild des berühmten Pädagogen entwirft. … Lit.: Villatora, O.: H.G. o del frammento teorico, Venedig 1977 (mit Bibliographie). (Schweizer Lexikon CH 91)

Ganz, Hans * 9. 3. 1890 Zürich, † 27. 7. 1957 Zürich. - Erzähler, Dramatiker, Maler u. Komponist.
Nach dem Gymnasium im Landerziehungsheim Glarisegg studierte der Sohn begüterter Eltern in Basel, München, Berlin, Göttingen u. Leipzig Philosophie u. Musikwissenschaft (Dr. phil. 1917) u. arbeitete dann zeitweise als Lehrer in Glarisegg. Dort spielt auch sein einziger, 1915 in Zürich erschienener Roman Peter das Kind - eine Art Entwicklungsroman, der in einen linear erzählenden ersten u. einen in Briefform gehaltenen zweiten Teil zerfällt: Peter Sineysen findet in seiner Heimat keine Entfaltungsmöglichkeit. »Mein Ruf nach Taten verhallt in einer nüchtern beschäftigten Menschenwelt«, klagt er u. kommt zur kompromißlosen Erkenntnis: »Die einzige große Veränderung ist der Tod.« Zwar erscheint Sineysen zunächst auch der Krieg als mögl. Ausbruch aus der Enge, aber dann stürzt er sich, wie um ein Fanal an die Jugend der Welt zu richten, zu Pferd u. in Leutnantsuniform in die Via-Mala-Schlucht zu Tode. - G. war als Komponist u. Maler ebenso begabt wie als Literat.

WEITERE WERKE: Tereus. Bln. 1910 (D.). - Im Hause Frau Klaras. Frauenfeld 1918 (E.). - Pestalozzi. Leben u. Werk. Zürich 1946 (Biogr.).
LITERATUR: Ottorino Villatora: H. G. o del frammento teorico. Venedig 1977 (Biogr.). (Bertelsmann Literaturlexikon)