Hans Ganz

»Auf ihr Jünglinge, ihr Mädchen! Legt eure Körper ab, die euch lästig sind im endlosen Hoffen eurer Seelen ... Wer Kraft hat für das Ewige, für das von Menschen Ungeschaute, folge mir nach über das brausende Meer des Todes hinaus in das glitzernde Weltall!«
Dieser an Hölderlins Empedokles erinnernde hymnische Aufruf an die Jugend der Welt entstammt dem 1915 bei Rascher in Zürich erschienenen Roman Peter das Kind von Hans Ganz. Er ist enthalten im Abschiedsbrief, den der Protagonist Peter Sineysen seinem Freund Franz schreibt, bevor er sich in Leutnantsuniform zu Pferde in die Via-Mala-Schlucht hinunterstürzt. Hans Ganz hat sich nicht nur als Schriftsteller versucht - neben Peter das Kind haben sich zehn dramatische Werke, Gedichte, Reiseberichte und eine Pestalozzi-Biographie erhalten -, er betätigte sich mit gleicher Hingabe auch als Maler und Komponist. Im literarischen Bereich aber ist der in der Nähe des Expressionismus angesiedelte Entwicklungsroman Peter das Kind seine gewichtigste Leistung geblieben. Zwar sind die Schwächen des Buches - z. B. die Unterteilung in drei nur schwer zusammenpassende ungleichgewichtige Teile, der bisweilen etwas schwülstige Stil u. a. - unverkennbar, und doch liest man Peter das Kind auch heute noch nicht ohne Betroffenheit. Denn eines ist gewiss: obwohl diese seltsame literarische Orgie der Todessehnsucht in privaten Erlebnissen wurzelt, hat sie ihre Bedeutung doch auch in einem grösseren zeitgeschichtlichen Zusammenhang. Ein gutes Stück Fin-de-siècle-Lebensgefühl ist in dem Buch lebendig erhalten geblieben, dann aber hat dieser Jüngling Peter Sineysen ja auch so seine Verwandten, unter die gestellt er als Repräsentant eines bestimmten Typus nicht eimal schlecht abschneidet: Thomas Manns Tonio Kröger, Hesses Demian, Walsers Jakob von Gunten, Alain-Fourniers Grand Meaulnes. Mit Blick auf die Schweiz jedoch stellt Peter das Kind einen frühen Fall jener Verweigerungsliteratur dar, wie sie später etwa in Lore Bergers Barmherzigem Hügel, in Frischs Stiller oder in Fritz Zorns Mars wiederersteht.
Peter Sineysen findet in der Heimat keinerlei Entfaltungsmöglichkeit. »Mein Ruf nach Taten verhallt in einer nüchtern beschäftigten Menschenwelt«, klagt er und kommt zur fragwürdigen, aber kompromisslosen Erkenntnis: »Die einzige grosse Veränderung ist der Tod.« Zwar erscheint Sineysen zunächst auch der Krieg als möglicher Ausbruch aus der Enge. Dennoch aber musste 1915 die Geschichte vom Leutnant, der sich in die touristisch weltberühmte Via Mala hinunter zu Tode stürzt, als Protest gegen das ringsum tobende sinnlose Morden, als Protest gegen den Militarismus ganz allgemein, empfunden werden. Hans Ganz selbst protestierte noch auf andere Weise dagegen. 1917, beim Ausbruch der Revolution in Russland, liess der Zürcher Millionärssohn und Oberleutnant der Schweizer Armee seine Einheit antreten und ein Hoch auf den politischen Umsturz ausbringen. Worauf er, wie es so schön heisst, zur Disposition gestellt wurde.
(Literaturszene Schweiz CH 91)

Ganz, Hans

*Zürich 9.3.1890, †ebd. 27.7.1957, Maler, Komponist und Schriftsteller. Der Sohn eines vermögenden Zürcher Porträtphotographen besuchte 1902-05 das Landerziehungsheim Glarisegg, wo er sich mit mehreren später berühmten Zeitgenossen (u.a. C.J. Burckhardt) befreundete und in Schulleiter W. Zuberbühler einen langjährigen Förderer fand. Nach der Matura in Zürich studierte G. Philosophie in Basel, München, Berlin, Göttingen und Leipzig, veröffentlichte aber bereits vor der Promotion (1917) seine bedeutendsten literar. Werke: die kühn-expressive Tragödie »Tereus« (1910) und seinen einzigen Roman »Peter das Kind« (1915), die z.T. in Briefform gehaltene, meist in Glarisegg spielende Lebensgeschichte von Peter Sineysen, der innerl. an seiner Zeit zerbricht und sich, um die Jugend der Welt zu einem neuen Aufbruch zu bewegen, in Leutnantsuniform zu Pferd in die Via-Mala-Schlucht hinunterstürzt. G., der im 1. Weltkrieg in Zürich pazifist. Intellektuelle um sich versammelte und 1917 als Offizier zur Disposition gestellt wurde, lebte ab 1920 als Maler, Komponist und Journalist in Zürich. Bemerkenswert ist auch seine Biographie »Pestalozzi - Leben und Werk« (1946), die ein für die damalige Zeit erstaunl. unkonventionelles Bild des berühmten Pädagogen entwirft. … Lit.: Villatora, O.: H.G. o del frammento teorico, Venedig 1977 (mit Bibliographie). (Schweizer Lexikon CH 91)

Ganz, Hans

, * 9. 3. 1890 Zürich, † 27. 7. 1957 Zürich. - Erzähler, Dramatiker, Maler u. Komponist.
Nach dem Gymnasium im Landerziehungsheim Glarisegg studierte der Sohn begüterter Eltern in Basel, München, Berlin, Göttingen u. Leipzig Philosophie u. Musikwissenschaft (Dr. phil. 1917) u. arbeitete dann zeitweise als Lehrer in Glarisegg. Dort spielt auch sein einziger, 1915 in Zürich erschienener Roman Peter das Kind - eine Art Entwicklungsroman, der in einen linear erzählenden ersten u. einen in Briefform gehaltenen zweiten Teil zerfällt: Peter Sineysen findet in seiner Heimat keine Entfaltungsmöglichkeit. »Mein Ruf nach Taten verhallt in einer nüchtern beschäftigten Menschenwelt«, klagt er u. kommt zur kompromißlosen Erkenntnis: »Die einzige große Veränderung ist der Tod.« Zwar erscheint Sineysen zunächst auch der Krieg als mögl. Ausbruch aus der Enge, aber dann stürzt er sich, wie um ein Fanal an die Jugend der Welt zu richten, zu Pferd u. in Leutnantsuniform in die Via-Mala-Schlucht zu Tode. - G. war als Komponist u. Maler ebenso begabt wie als Literat.

WEITERE WERKE: Tereus. Bln. 1910 (D.). - Im Hause Frau Klaras. Frauenfeld 1918 (E.). - Pestalozzi. Leben u. Werk. Zürich 1946 (Biogr.).
LITERATUR: Ottorino Villatora: H. G. o del frammento teorico. Venedig 1977 (Biogr.). (Bertelsmann Literaturlexikon)