Elisabeth Gerter
Im Mai I946, als wieder einmal ein Manuskript als unbrauchbar zurückgekommen war, schrieb sie an Jakob Bührer: »Ach, es ist so billig, sich ein literarisches Sujet auszuwählen und es ins Ewige zu abstrahieren... Ich aber komme aus der Menschenwelt nicht heraus ... Solange noch ein Mensch leidet, gleich welches Leid es sei, so lange bin ich ihm verpflichtet.« - Nein, mit zeitloser Kunst hatte sie nichts im Sinn, die schreibende Krankenschwester Elisabeth Gerter - zu hautnah erlebte sie die Not der eigenen Zeit. Ein document humain ersten Ranges war schon ihr Erstling Schwester Lisa von 1934: ein erschütternder Bericht aus der Welt der Spitäler und über den Leidensweg einer couragierten jungen Frau. Noch weiter ging sie, eigene Erfahrungen ins Kollektive einer ganzen Dorfgemeinschaft umsetzend, mit ihrem Roman Die Sticker. Trotz Friedensabkommen und nationaler Verbrüderung nannte sie die sozialen Übelstände in der Ostschweizer Stickerei-Industrie beim Namen und formulierte virtuos, aber ohne billige Schwarzweissmalerei das, was Tausenden in der Seele brannte. Oprecht wollte drastisch kürzen, die Büchergilde lehnte ab, Mut zeigte einzig der winzige Aarauer Rengger-Verlag, der das Buch 1938 herausbrachte. Die Sticker wurden gegen die offizielle Literaturkritik zum Erfolg, die Autorin aber war abgestempelt und sollte zeitlebens nie Zugang zu einem wirklich potenten Verlag finden - weder mit dem erstaunlichen Bergwerksroman Denn sie wissen vom Licht noch mit anderen Werken, die grösstenteils ungedruckt blieben.
Aber Elisabeth Gerter, Tochter einer kinderreichen Gossauer Familie, liess sich nicht kleinkriegen, sie schrieb weiter, kämpfte weiter. Sie, die linke »Volksschriftstellerin«, befasste sich mit den Themen, welche von den gefeierten Koryphäen als tendenziös tabuisiert wurden: Arbeitslosigkeit, soziale Not, Emanzipation der Frau, Krieg. Sie publizierte, wo man sie eben druckte: in der Arbeiterpresse, in Heftchen und Zeitschriften. Was sie bei allem Verkanntsein jedoch nicht ertrug, war, dass man ihr das Künstlertum absprach. 1939 schrieb sie einer Kritikerin, die sie als reine »Tendenz-Autorin « disquallfiziert hatte: »Ich nenne mich sehr wohl Künstlerin, denn unsäglich viel hab' ich gerungen, den immensen Stoff, der mir am Herzen lag, in eine lebendige Form zu bringen. Ich glaube sogar, das Prädikat &Mac221;Künstlerin&Mac220; eher beanspruchen zu können als jene, die nur abgedroschene Themen von Grossvaters Zeiten her &Mac221;behandeln&Mac220;.« Elisabeth Gerter starb kurz nach ihrem 60. Geburtstag am 28. August 1955 in Basel. Wer fünfunddreissig Jahre danach ihre Bücher unvoreingenommen liest, wird erkennen, dass ihr Grosses gelungen ist: politisches und soziales Engagement umzusetzen in eine überzeugende, aber niemals elitär wirkende literarische Form.
(Literaturszene Schweiz)
Gerter, Elisabeth
eigtl. Elisabeth Aegerter-Hartmann, *Gossau (SG) 15.6.1895, Riehen (BS) 28.8.1955, Schriftstellerin. Die aus einer kinderreichen Fam. stammende G. hatte als Krankenschwester gearbeitet, ehe sie 1932 in zweiter Ehe den Kunstmaler K. Aegerter heiratete, der ihre literar. Begabung erkannte und sie zum Schreiben ermunterte. 1934 brachte die Büchergilde Gutenberg, Zürich, den als sensationell empfundenen, die Kehrseite des Schwesternberufs beleuchtenden autobiograph. Roman »Schwester Lisa« heraus. Ihres gesellschaftskrit. Engagements und ihres Einsatzes für die Gewerkschaftsbewegung wegen fand G. später nie wieder Zugang zu einem angesehenen Verlag, und 1938 lehnte es sogar die Büchergilde ab, ihren Roman »Die Sticker«, den »ersten umfassenden Industrieroman der Schweiz« (G. Huonker), in ihr Programm aufzunehmen. »Die Sticker« erschien daher ebenso wie ihre weiteren Werke, u.a. die Neufassung von »Schwester Lisa«, »Der fremde Klang« (1944), »Die grosse Frage« (En., 1953) und »Diina« (En., 1957), unter der fiktiven Verlagsbez. »Rengger-Verlag, Aarau« im Selbstverlag des Ehepaars Aegerter. Erst nach 1978, im Zeichen des neu erwachten Interesses an der Literatur der Zwischenkriegszeit, wurde ihr Rang als eine der wichtigsten gesellschafts- und sozialkrit. Autorinnen der Schweiz einer breiteren Öffentlichkeit bewusst.Dem Gedenken der Dichterin E.G., Aarau 1965; Huonker, G.: E.G., Nachwort zu »Die Sticker«, Neuausgabe in der Edition »Frühling der Gegenwart«, Zürich 1981. (Schweizer Lexikon CH 91)
Gerter, Elisabeth
, auch: E. Aegerter-Hartmann, * 15. 6. 1895 Gossau/Kt. St. Gallen, 28. 8. 1955 Riehen bei Basel. - Erzählerin.
Die Tochter eines Landbriefträgers arbeitete als Kindermädchen in Italien, ehe sie 1914-1918 in Zürich eine Ausbildung als Krankenschwester machte. G. war dann als Privatpflegerin in Bern u. Leysin tätig u. heiratete 1921 den literarisch ambitionierten, aber lebensuntüchtigen Karl August Müller. Mit ihm lebte sie in Biel, La Chaux-de-Fonds, Brüssel u. Basel. 1930 ließ sie sich scheiden u. heiratete 1932 den Kunstmaler u. kommunistischen Parteisekretär Karl Aegerter. Durch ihn wurde sie entscheidend in ihrem schriftstellerischen Vermögen gefördert. 1934 erschien in Zürich ihr erstes, von der schweizerischen
Öffentlichkeit als sensationell empfundenes Buch Schwester Lisa. G. stellt darin wenig verschlüsselt ihren Lebensweg seit 1914 dar u. zeigt, wie eine junge Frau unter den enormen Ansprüchen u. Zwängen des äußerst kritisch gezeichneten Schwesternberufs u. in den Trubeln einer leidenschaftl. Dreiecksbeziehung um ihre Selbstverwirklichung kämpft. War Schwester Lisa noch von der sozialistischen Büchergilde Gutenberg herausgegeben worden, so fand G.s zweites Buch, Die Sticker, keinen Verlag mehr u. wurde 1938 unter der fiktiven Firmenbezeichnung »Rengger-Verlag, Aarau« auf eigene Kosten vom Ehepaar Aegerter gedruckt u. vertrieben. G. beschreibt in diesem »ersten umfassenden Industrieroman der Schweiz« (Gustav Huonker) die Arbeitskonflikte u. die soziale Krisensituation in der Ostschweizer Stickereiindustrie, deren Atmosphäre ihr von Kind auf vertraut war. Mit unverstelltem Engagement für die Lohnabhängigen, speziell auch für die betroffenen Frauen, beschreibt G. breit gefächert, detailgetreu u. in volkstüml. Diktion die sich zuspitzende soziale Notlage u. den Arbeitsalltag im Stickerdorf Rheinwil.Die Darstellung endet optimistisch mit der Gründung einer Selbsthilfegenossenschaft, die den Stickerfamilien wirtschaftl. Sicherheit durch solidar. Zusammenstehen bringen soll. Die Sticker brachten G. zwar Anerkennung, aber keinen literar. Durchbruch. In den maßgebenden Kreisen des schweizerischen Kulturlebens wurde sie ihrer kommunistischen Einstellung wegen ohnehin totgeschwiegen. Daher mußten auch ihre weiteren Bücher mit Ausnahme der Novelle Das silberne Tor (Zürich: Büchergilde Gutenberg 1945) im Selbstverlag erscheinen - nicht ohne Folgen für deren sprachl. Qualität - u. fanden außerhalb linker u. gewerkschaftl. Kreise kaum Beachtung.
Erst lange nach ihrem Tod, als in den 80er Jahren die Deutschschweizer Literatur der Zwischenkriegszeit aufgearbeitet wurde, entdeckte eine breitere Öffentlichkeit in G. eine bemerkenswerte Vorläuferin der Frauenemanzipation u. eine Autorin von starker sozialkrit. Kraft. Seit 1978 legt der Zürcher Unionsverlag die Werke G.s neu auf.
WEITERE WERKE: Der fremde Klang. (Neufassung v. &Mac221;Schwester Lisa&Mac220;). Aarau 1944 (R). - Die große Frage. Aarau 1953 (N.n).- Die Segnung. Aarau 1955 (L. u. Aphorismen). - Leonie, das letzte Grubenpferd. Zürich 1955 (E.). - Die Schicksalstür. Aarau 1957 (E.en).-Diina. Aarau 1957 (N.n). - Der Kreis der innern u. äußern Dinge. Aarau 1962 (R.).
LITERATUR: Dem Gedenken der Dichterin E. G. Aarau 1965 (illustrierte Monogr. mit Briefen u. Texten). - Gustav Huonker: E. G. Nachw. zu &Mac221;Die Sticker&Mac220;. Neu hg. v. Charles Linsmayer in: Frühling der Gegenwart. Bd. 5, Zürich 1981.
(Bertelsmann Literaturlexikon)