Was für ein gewaltiges, hinreissendes Buch, dieser Roman «Ferdy-durke» von 1938! In der Geschichte des 30jährigen Schriftstellers Józio, der sich in den 17jährigen Schüler  zurückverwandelt und in der kuriosen Verliebtheit zur exzentrischen 16jährigen Lutka nicht mehr in die Gegenwart zurückfindet,  hat der damals 34jährige Warschauer Jurist Witold Gombrowicz sämtliche Möglichkeiten der Gattung Ro-man ad absurdum geführt und überwunden. Wie da wohlanständige Warschauer Bürger sich in einem wollüstigen Kampf Körper gegen Körper austoben und wie dieser Józio, der die jugendliche Infantilität dem Bierernst des Erwachsenwerdens vorzieht, aus dem Chaos einer ländlichen Anarchie in die Arme einer ungeliebten Frau flieht, weil er letztlich doch nur bei anderen Menschen sein Heil finden kann – das ist unter Aufbietung aller denkbaren Textsorten eindrucksvoll umge-setzt und löst das Versprechen, gegen die «stählernen Panzer der Form» zu kämpfen, «damit der Mensch seine Steifheit verliere und in seinem Inneren sich die Form mit der Formlosigkeit, das Recht mit der Anarchie, die Reife mit der Unreife versöhne», ganz und gar ein.
Diesem Kampf gegen alle Formen und Fixierungen ist nicht nur «Fer-dydurke», sondern das ganze epische und dramatische Werk gewid-met, das Gombrowicz 1939-1962 in Buenos Aires und von 1964 bis zu seinem Tod am 25.Juli 1969 im südfranzösischen Vence geschaf-fen hat. Der erst 1969 zum Vorschein gekommene total überkandidel-te Liebes-Gesellschafts- und Kriminalroman «Die Besessenen» von 1939, die verquere, zwischen Homosexualität und Frauenliebe oszil-liernde Education sentimentale «Kosmos» von 1965, die Komödie «Yvonne, Prinzessin von Burgund» über die grotesken Liebeskarriere eines hässlichen Mädchens, der ebenso sinnliche wie surreale, hoch philosophische Roman «Pornographie» von 1960 und nicht zuletzt auch das von 1957 bis 1969 geführte «Tagebuch», das in epochaler Weise Gombrowiczs Auseinandersetzung mit dem Jahrhundert spiegelt und am Ende den Schmerz als eigentlichen Prüfstein aller Wirklichkeit inthronisiert. «Sei aussergewöhnlich, sei neu, denk dir etwas aus, empfinde Unbekanntes», liest man da einmal und begegnet in nuce all dem, was diesen grossen, viel zu wenig gelesenen Autor ausgemacht hat.