Alexander Xaver Gwerder
Am Tag, als er zu seinem letzten WK einrücken sollte, schied Alexander Xaver Gwerder, neunundzwanzig, in Arles freiwillig aus dem Leben: aus Protest gegen die verhasste Militärpflicht und weil er für seine engagierte Dichtung in der helvetischen Enge keine Zukunft sah. Soweit die interpretierende Legende. Die unbeschönigte Wahrheit aber ist: weil seine Frau, die Mutter seiner zwei Kinder, die Scheidung verweigerte, brachte Gwerder in der einer Gelbsucht folgenden Depression seine Freundin Salomé, eine neunzehnjährige Baslerin, dazu, mit ihm nach Arles auszureissen, um in der Stadt van Goghs gemeinsam zu sterben. »Wir probierten es zuerst mit Morphium«, erzählt Gwerders Freundin 35 Jahre später, »aber es wurde uns nur übel davon. Deshalb schnitten wir uns die Handgelenke durch.« Als der Freund das Bewusstsein verlor, rannte Salomé hilfeschreiend in die Hotelküche und konnte so noch gerettet werden. Das Trauma jedoch, das jener 14. September 1952 in ihr hinterliess, hat sie bis heute nicht überwinden können.
Gwerder, ein genuines Maler- und Dichtertalent, arbeitete in Zürich als Offset-Kopist, empfand aber die berufliche und überhaupt seine ganze Lebenssituation als ausweglose Sackgasse. Unfähig, offen zu rebellieren, legte er die ganze Frustration und Empörung in seine Gedichte hinein - Verse, die eher durch ihre Expressivität und aufrührerische Kraft denn durch Formvollendung überzeugen, die aber mit der Radikalität ihres Denkens wuchtig aus der biederen Schweizer Nachkriegslyrik herausragen. Während die Gedichte, seit Erwin Jaeckle sie 1949 zu publizieren begann, da und dort gedruckt wurden und 1951 auch ein Sammelband, Blauer Eisenhut, erschien, reagierten die Redaktoren auf Gwerders weit aggressivere Prosatexte überängstlich. Stein des Anstosses war meist Gwerders Antimilitarismus, dessen nervöse Heftigkeit wohl in einem unbewältigten Schuldkomplex wurzelte, war er doch bis zum bitteren, als persönliches Desaster empfundenen Ende ein Bewunderer von Hitlers hybridem Machtrausch gewesen.
Im »ruinösen Alltag« der Nachkriegsrestauration fand Gwerder sich nie wirklich zurecht. Einzig in der Liebe sah er noch etwas, was »für Augenblicke Linderung bringt von Bestien und Bürokraten, von Tölpeln und Generälen«. Als ihm auch dieser Trost schal wurde, hielt er Ausschau nach einer Traumgefährtin, an deren Seite er die endgültige Flucht aus der Bürgerlichkeit wagen wollte und die er schliesslich in der jungen Baslerin fand, die seine Vorliebe für den todessüchtigen van Gogh teilte. Ein Tag in Selba beschreibt, wie er diesem Mädchen begegnete und wie er mit ihm in Basel vor van Goghs Bildern stand. Die Erzählung, die seine letzte sein sollte, endet im Manuskript mit den im Druck später eliminierten Worten: »Wie das weitergeht, kann ich nicht mehr aufschreiben; es wird getan. «
Im Limmat-Verlag, Zürich, erschienen Gwerders Werke, herausgegeben von Roger Perret, unter dem Titel «
Gwerder, Alexander Xaver, *Thalwil (ZH) 11.3.1923, Arles 14.9.1952, Typograph und Schriftsteller. Nach einer Lehre als Buchdrucker und der Absolvierung der Rekrutenschule arbeitete G. als Offset-Kopist in Zürich und war als 23jähriger bereits Familienvater mit zwei Kindern. Dennoch drückt sich in seinem literar. Schaffen, das vorwiegend aus Lyrik besteht, stärker als bei allen anderen Schweizer Zeitgenossen ein Unbehagen angesichts der gesellschaftl. Situation und des repressiven kulturellen Klimas der ersten Nachkriegsjahre aus. Diese Frustration an der Zeit, die Erfolglosigkeit als Schriftsteller, eine familiäre Krise, der Horror vor einem bevorstehenden militär. Wiederholungskurs und eine krankheitsbedingte Depression führten schliessl. dazu, dass G. in einer ausweglosen Situation Selbstmord beging. Seine Gedichte waren seit 1949 v.a. von der Zürcher Tageszeitung »Die Tat« gedruckt worden, während seine sehr viel radikaleren Prosatexte erst nach seinem Tode publiziert wurden (»Möglich, dass es gewittern wird«, hg. von H.R. Hilty, 1957). Abgesehen von zwei Privatdrucken war G. einzige Veröffentlichung zu Lebzeiten der Lyrikbd. »Blauer Eisenhut« (1951). Obwohl die Radikalität seines Denkens in der eher konventionell wirkenden, am ehesten noch an Benn gemahnenden Sprache keine wirkliche Entsprechung fand, stiess G. nach 1968 als Vorläufer der antiautoritären Jugendbewegung und als Militärgegner auf neues Interesse. Weitere Gedichte und Prosatexte wurden in Sammelausgaben wie »Dämmerklee«, »Land über Dächer«, »Maschenriss« (hg. von H.R. Hilty, 1955, 1959, 1969), »Wenn ich nur wüsste, wer immer so schreit« (hg. von G. Ammann, 1978) und »Wäldertraum« (hg. von R. Perret, 1991) zugänglich gemacht. Dreibändige Werkausgabe von Roger Perret, 1998.
Lit.: Fringeli, D.: Die Optik der Trauer, A.X.G. Wesen und Wirken, Diss., Bern 1970. (Schweizer Lexikon CH 1991)
Gwerder, Alexander Xaver, * 11. 3. 1923 Thalwil bei Zürich, 14. 9. 1952 Arles. - Maler; Lyriker u. Erzähler.
Der Arbeitersohn besuchte die Primar- u. Sekundarschule in Wädenswil u. Rüschlikon. 1938-1942 erlernte er in Zürich den ungeliebten Beruf eines Buchdruckers, den er nach Absolvierung der Rekrutenschule 1947-1952 in Zürich als Offset-Kopist ausübte. 1944 hatte er die gleichaltrige Sekretärin Gertrud Wälti geheiratet u. war mit 23 Jahren bereits Familienvater mit zwei Kindern. Die Krise dieser Ehe, die Frustration am Beruf, die relative Erfolglosigkeit seines literar. Schaffens, die Belastung durch die gehaßte Militärdienstpflicht, die einer Gelbsucht folgende Depression u. die hoffnungslose Liebe zu einer 19jährigen Baslerin führten dazu, daß G. 1952 in der ihm durch van Gogh bedeutsamen Stadt Arles mit der jungen Frau zusammen Selbstmord verübte, wobei seine »Traumgefährtin« gerettet werden konnte.
Unfähig, offen zu rebellieren, hatte G., ein genuines Maler- u. Dichtertalent, seine ganze Frustration u. Empörung in seine Gedichte hineingelegt, Verse, die in ihrer an Benn erinnernden, teilweise auch Rilke verpflichteten Machart eher durch ihre Expressivität u. aufrührerische Kraft denn durch Formvollendung überzeugen, die aber mit der Radikalität ihres Denkens wuchtig aus der biederen Schweizer Nachkriegslyrik herausragen. G. hatte bereits als Jugendlicher Gedichte geschrieben, fand aber erst 1949, als Erwin Jaeckle in der Zürcher Zeitung »Die Tat« erste Proben abdruckte, den Weg in die Öffentlichkeit. 1951 erschien im Zürcher Magnus Verlag, sieht man von zwei im gleichen Jahr publizierten Privatdrucken ab, G.s einzige Veröffentlichung zu Lebzeiten: Blauer Eisenhut. Gedichte. (Neuaufl. Zürich 1972). G.s Prosatexte, die seine gesellschaftskrit. Haltung aggressiver als die Lyrik zum Ausdruck bringen, konnten erst postum in Auswahl erscheinen (Möglich, daß es gewittern wird. Hg. Hans Rudolf Hilty. Zürich 1957). 1969 erschien auch Maschenriß. Gespräch am Kaffeehaustisch (Zürich): eine eigenwillige, gleichzeitig rebellische u. resignative Auseinandersetzung von vier jungen Männern mit einem Alten u. einer Dame.
Für 1990 ist eine G.-Werkausgabe im Limmat Verlag Zürich angekündigt.
WEITERE WERKE: Dämmerklee. Zürich 1955. Neuaufl. 1963 (L.). - Land über Dächer. Mit einem Beitr. v. Karl Krolow. Hg. H. R. Hilty. Zürich 1959 (L.). - Wenn ich nur wüßte, wer immer so schreit. Gesänge gegen die Masse. Hg. Georges Ammann. Zürich 1978.
LITERATUR: Dieter Fringeli: Die Optik der Trauer. A. X. G. Wesen u. Wirken. Bern 1970.
(Bertelsmann Literaturlexikon)