«Der Friede? Worin besteht der Friede? Ranglisten und Beförderungen, verhinderter Ehrgeiz, Lügen, Warenhäuser, Zwischenhandel und organisierte Verdauung. Einer macht den andern fertig, damit er selbst besser lebt. Kann er es nicht, kauft er ihn, und das heisst dann Gemeinschaft. Der Alltag, von Hass und Gereiztheiten keuchend; Tobsüchte über Lächerlichkeiten, über lästige Einladungen und verspätete Mahlzeiten. Und im Keller die Bestien, die man aussperrt und die gern heraufmöchten? Das alles erhalten, das wiederherstellen? Ist das die Opfer derer wert, die da fallen? »
Einem Offizier von Hitlers Luftwaffe sind die Worte in den Mund gelegt, einem jener 23jährigen, die 1943 geopfert wurden, um die alliierte Lufthohheit zu brechen, und die, weil sie die Übermacht kannten, früh darum wussten, wie aussichtslos ihr Kampf war. Kaum je ist das Desperadotum des Soldaten, das «vivere pericolosamente» des Haudegens, träfer, einleuchtender, aber auch chauvinistischer umgesetzt worden als in diesen Sätzen, die der am 15.September 1908 in Oberriexingen/Württemberg geborene Pfarrersohn Gerd Gaiser der Hauptfigur seines 1953 erschienenen Romans «Die sterbende Jagd» in den Mund legte.
Er war Theologie-, dann Kunststudent gewesen, hatte 1941 die regimekonformen Gedichte «Reiter am Himmel» publiziert und bis in die letzten Kriegsmonate hinein zu jenen Jagdfliegern gehört, die er zehn Jahre danach nach griechischem Muster zu Helden einer sterbenden Jagd stilisierte.
Als Gaiser am 9.Juni 1976 in Reutlingen starb, war sein umfangreiches Werk bis auf zwei Ausnahmen längst vergessen: «Schlussball», der 1958 publizierte melancholische Roman der Vorkriegsgeneration, die im Nachkriegsdeutschland von den längst diskreditierten früheren Traditionen nicht loskommt– und eben «Die sterbende Jagd», das Fliegerepos, das Gaiser berühmt machte, weil es beim falschen Publikum den falschen Erfolg hatte.