Alfred A. Häsler
Hätte man Literatur nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern nach ihrer moralischen und aufklärerischen Wirkung zu beurteilen, so müsste ein Buch in den Mittelpunkt der Schweizer Literaturgeschichte seit 1945 gerückt werden, das von der professionellen Kritik, wenn nicht ignoriert, so doch voreilig in die Sparte »populäres Sachbuch« abgeschoben wird, obwohl es das Geschichtsbewusstsein der heute lebenden Schweizer wie kein zweites geprägt und beeinflusse hat: Das Boot ist voll von Alfred A. Häsler.
Im Auftrag des Ex Libris-Leiters Franz Lamprecht und für eine von Tat-Chefredaktor Erwin Jaeckle zum Abdruck angenommene Serie arbeitete Häsler 1966 das triste Kapitel der schweizerischen Asylpolltik 1933-1945 mit bis dahin einzigartiger Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit auf. Er förderte dabei eine Vielzahl bisher unbekannter Dokumente zutage, verstand es aber auch, das Material aus einem stets spürbaren persönlichen Engagement heraus so darzustellen, dass der Leser, in Spannung versetzt wie bei einem guten Krimi, erst nach und nach merkt, wie sehr ihn der schlicht gestaltete Bericht zu erschüttern vermag. So konnte es geschehen, dass ein bitterernstes, auf Vergangenheitsbewältigung abzielendes Geschichtsbuch unversehens zum Bestseller wurde. Über 50 000 Exemplare wurden verkauft, Übersetzungen verbreiteten das Buch in alle Welt, sein Titel ist in vielen Sprachen zum festen Begriff geworden, Markus Imhoofs Film-Adaption errang in Hollywood gar einen Oscar. Und was nicht minder spektakulär ist: die Recherchen des Autodidakten Häsler konnten durch die zünftige Geschichtswissenschaft nicht entkräftet werden, sondern wurden Punkt für Punkt bestätigt und erhärtet!
Dass Das Boot ist voll keineswegs von bloss mehr historischem Interesse ist, haben die jüngsten Diskussionen über das Asylrecht deutlich gemacht. Und wie zu erwarten, steht sein Verfasser auch diesmal wieder voll und ganz auf der Seite der Bedrohten und Bedrängten. Wie denn Das Boot ist voll ja nicht einfach eine günstige Konjunktur genutzt hat, sondern das jahrzehntelange humanitäre Engagement Häslers gleichsam krönte. Mit achtzehn schon hatte er in der Nation 1939 seinen Abscheu über die Nazi-Verbrechen kundgetan und während des Krieges nutzte der junge Typograph und Journalist jede Möglichkeit, um auf die Not der Verfolgten hinzuweisen. Wirklich Gehör verschaffen konnte er sich aber erst, als auch der kalte Krieg vorbei war und er sich als souveräner Interviewer einen Namen gemacht hatte. Denn sein Geheimnis ist wohl, dass er zuhören kann und dass er, wie seine pietistischen Vorfahren die Bibel, die Zeichen der Zeit wörtlich nimmt. Und was er einmal für richtig erkannt hat, das muss er, mag es noch so unbequem sein, auch aussprechen: in klar fasslicher Sprache, mit glaubwürdiger Überzeugungskraft, sachlich-nüchtern, aber niemals ohne menschliche Wärme.
Das Boot ist voll ist u. a. als Diogenes-detebe 21699 erhältlich. (Literaturszene Schweiz)