Jeanne Hersch

Jan Loisy, Francis de Miomandre, Ludovic Masse, Thyde Monnier - lauter Franzosen, aber keinen einzigen Welschen konnten die Juroren des ersten »Prix littéraire de la Guilde du Livre« unter den 347 Konkurrenten guten Gewissens zu Preisträgern küren. Um aber die Ehre der Romandie doch noch zu retten, bedachte man bei der Preisverleihung am 1. August 1941 ein Manuskript mit dem fünften Preis, das die »Guilde« kurz vorher zurückgeschickt hatte und das inzwischen vom Fribourger Verleger Egloff angenommen worden war: Chaîne et Trame von Jeanne Hersch, einunddreissig, promovierte Philosophin und Gymnasiallehrerin in Genf.
Als der Roman dann 1942 in Fribourg erschien, trug er den geänderten Titel Temps alternés (wechselnde Zeiten). Der Verleger habe bemängelt, so Jeanne Hersch heute, »dass die Leute «chaîne» (Zettel) und «trame» (Schuss) im Sinne von «Gewebe» nicht mehr verständen«. Was wird in Temps alternés zu solchem Gewebe verwoben? Der eine Faden ist das eigentlich nur platonische erste Liebeserlebnis einer siebzehnjährigen Schülerin mit einem um vieles älteren Mann, und der zweite Faden ist die Gegenwart derselben jungen Frau ein Jahrzehnt später. Sie ist verheiratet, erwartet ein Kind und bringt für ihren abwesenden Mann jene weit zurückliegende erste Liebesgeschichte zu Papier. Als sie zwanzig war, erinnert sie sich am Ende ihrer Beichte, musste sie bei einer letzten Begegnung mit jenem ersten Geliebten die Unmöglichkeit einer Beziehung einsehen, was sie in schwere Depressionen stürzte. Die Erzählerin schreibt in Tagebuchform und verlässt sich, besonders wo die seelischen Hintergründe ausklingen, virtuos auf leise Andeutungen und Spiegelungen in Natur und Landschaft. Inhaltlich geht alles »vernünftig« aus. Die junge Frau sagt sich vom »Glück der Jugend, das die Welt verzaubert und immer ausserhalb liegt«, los und bekennt sich zum nüchternen, eingeschränkten, aber dauerhaften Glück des Erwachsenseins.
Der Sieg des Verstandes über die gefährliche Irrationalität von Erinnerung und Sehnsucht nach Absolutem hat aus der Poetin eine Philosophin gemacht und Jeanne Herschs Buch damit in Gegensatz gesetzt zu jenem anderen, an das es immer wieder erinnert: zu Lore Bergers Barmherzigem Hügel. Auch dieser Roman, der zwei Jahre nach Temps alternés ebenfalls einen fünften »Gilden«-Preis errang, stellt ja das erste Liebeserlebnis einer Siebzehnjährigen aus dem Rückblick dar. Aber die Baslerin hat ihn nicht mit dreissig, als auch sie vernünftig geworden wäre, sondern mit zwanzig geschrieben, als jene »unmässige Gier nach einer unmässigen Passion« noch nicht mit Mutterfreuden zu stillen war und nur im Tod Ruhe fand. Merkwürdig nur, dass beide Bücher, die doch jedes für sich und wechselseitig die weibliche Seele so tief ausloten, 35 Jahre brauchten, um - in Neuausgaben und sogar in Übersetzungen! - endlich die gebührende Aufmerksamkeit zu finden.

Deutsch ist Temps alternés unter dem Titel Begegnungen als Knaur-Taschenbuch Nr. 1312 erhältlich. Lore Bergers Barmherziger Hügel liegt als Nr. 396 der Serie Piper vor. (Literaturszene Schweiz)