Ludwig Hohl
Es mutet seltsam an, wenn ein Autor auf dem Vorsatzblatt des literarischen Erstlings auch gleich seine sämtlichen Werke aufzuzählen vermag. Und doch benötigte Ludwig Hohl dazu keinerlei hellseherische Fähigkeiten, hatte er doch 1942, beim Erscheinen des zweiten, abschliessenden Bandes von Nuancen und Details, bereits den Grossteil seines übrigen uvres fertiggeschrieben in der Schublade: Die Notizen, sein literarisches Hauptwerk, das von 1934 bis 1936 in Holland entstanden war und 1944 bzw. 1954 erscheinen sollte; den ersten, gut zwei Drittel des Ganzen enthaltenden Teil des Fortsetzungswerks Nachnotizen, wie es 1986 von Johannes Beringer und Hugo Sarbach aus dem Nachlass ediert worden ist; ferner den Erzählband Nächtlicher Weg, der 1943 erschien, und nicht zuletzt auch sein später berühmtestes Prosastück, die Erzählung Bergfahrt, die seit 1975 im Druck zugänglich ist.
Sieht man von den wenigen, aber bedeutsamen Erzählungen ab, so besteht Hohls Werk zur Hauptsache aus Texten, die sich der leichten Vermarktung unter irgendeiner Etikette widersetzen: pfiffig formulierte, geistreiche Aperçus und Überlegungen zu allen denkbaren Lebens-, Denk- und Erfahrungsbereichen, insbesondere aber über das schöpferische Arbeiten als solches und als Widerstand gegen den Tod: »Arbeiten ist nichts anderes als aus dem Sterblichen übersetzen in das, was weitergeht.« Die einzelnen Betrachtungen und Einfälle stehen wohl innerhalb der drei Sammlungen in einem geordneten Zusammenhang, verbinden sich aber nicht zum System. Von zentraler Bedeutung ist allerdings die Verweigerungshaltung, die Hohl dem Staat, der Gesellschaft und der modernen Zivilisation gegenüber einnahm und die er auch in seinem Leben, als Quasi-Emigrant in Holland und Genf, betont zur Schau trug. Während andere Aspekte - sein Goethe-Kult z. B.! - heute eher als zeitbedingt erscheinen, ist es gerade dieses kompromisslose Opponieren, das Hohls Denken derart aktuell und modern wirken lässt.
Überhaupt hat sich, seit 1950 der Artemis-Verlag den vertraglich vereinbarten Druck von Notizen II u. a. mit dem Argument verweigern wollte, der Text enthalte» Gestotter und Expektorationen Hohls über sich selbst und seine rein persönliche Nichtigkeit«, in der Einschätzung dieses lebenslangen Outsiders Wesentliches geändert. Und allmählich hat sich, allerdings erst nachdem Deutschland wieder einmal verlegerische Entwicklungshilfe leistete, auch in der Schweiz der Verdacht erhärtet, dass dieser einst als Spinner belächelte oder gar als arbeitsscheuer Alkoholiker verachtete Ludwig Hohl vielleicht zu den Vordenkern der modernen Menschheit gehört. Und wer weiss, ob sich seine lebenslange Gedankenarbeit nicht nachträglich sogar noch für seine Landsleute nutzbar machen lässt: als scharfe, aber höchst wirksame Medizin gegen nationale Engstirnigkeit, Profitneurose und geistige Intoleranz!
Hohls Werke sind bei Suhrkamp greifbar, Die Notizen seit 1984 als Suhrkamp-Taschenbuch 1000. (Literaturszene Schweiz)
Hohl, Ludwig
*Netstal (GL) 9.4.1904, Genf 3.11.1980, Schriftsteller. Der Sohn eines prot. Pfarrers besuchte in Frauenfeld und Zürich das Gymnasium und lebte 1924-31 in Paris, wo er sich autodidakt. weiterbildete und erste Gedichte und Prosatexte verfasste. 1931 zog er nach Den Haag und schrieb dort in geistiger Isolation den Grossteil seines erst viel später veröffentlichten Lebenswerks. 1937 siedelte er nach Genf über, wo er unter teilweise prekären materiellen Umständen bis zu seinem Tode lebte. 1939 brachte der Zürcher Oprecht-Verlag auf Vermittlung A. Zollingers den ersten Teil von »Nuancen und Details« heraus, verzichtete aber auf weitere Editionen, so dass H. den zweiten Teil 1942 im Selbstverlag publizieren musste. Obwohl H. damals nur wenigen Insidern ein Begriff war, bedeutete die Publikation des ersten Teils seines Hauptwerks »Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung« (1944) einen Markstein der schweiz. Literaturgeschichte. Wie verkannt H. damals war, zeigt der Umstand, dass er den schliessl. 1954 erfolgten Druck des zweiten Teils dieses Werks gegen den dazu vertragl. verpflichteten Artemis-Verlag auf prozessualem Weg erzwingen musste. Von wenigen bedeutsamen Ausnahmen (»Nächtlicher Weg«, 1943, »Bergfahrt«, 1975) abgesehen, besteht sein Werk vornehml. aus »Notizen«, d.h. in sich geschlossenen, auf Lektüre-Anregungen beruhenden, z.T. virtuos formulierten Reflexionen über philos., kulturelle und literar. Fragen, v.a. aber über das eigene schriftsteller. Arbeiten. Nach Jahrzehnten der Erfolglosigkeit fand H. nach 1968, als eine rebell. Jugend sich mit seiner gegen die (schweiz.) Gesellschaft gerichteten Verweigerungshaltung zu identifizieren begann, zunehmend Anerkennung als ein weit über das schweiz. Umfeld hinaus bedeutsamer innovativer und provokativer Vordenker. Seit 1971 publizierte der Suhrkamp-Verlag alle früher erschienenen Werke Hohls in Neuausgaben und ermöglichte auch die Herausgabe von nachgelassenen Texten (»Von den hereinbrechenden Rändern«, 2 Bde., 1986; »Und eine neue Erde«, 1990). Seit 1985 ist eine Ludwig-Hohl-Stiftung um die Pflege und Erschliessung seines Werks besorgt.Bänninger,
Lit.: A.E.: Fragment und Weltbild in L.H. »Notizen«, Diss., Zürich 1973; Fuchs, W.: Möglichkeitswelt. Zu L.H. Dichtung und Denkformen, Diss., Bern 1980; Beringer, J. (Hg.): L.H. Materialienband (mit Bibliographie), Frankfurt a.M. 1981; Nef, E.: L. H. Porträt eines Unbekannten, in: Appenzell. Jb., 108, Trogen 1981. 1998 brachte Pia Reinacher im Suhrkamp-Verlag Holhs "Jugendtagebuch heraus. (Schweizer Lexikon)
Hohl, Ludwig
* 9. 4. 1904 Netstal/Kt. Glarus, 3. 11. 1980 Genf. - Essayist, Denker, Erzähler.
Nach Gymnasialjahren in Frauenfeld u. Zürich brachte der Sohn eines protestantischen Pfarrers sich mit Privatstunden durch u. trat 1925 mit selbstverlegten Gedichten erstmals als Schriftsteller in Erscheinung. Seit Herbst 1924 lebte er in Paris, wo er sich autodidaktisch weiterbildete. 1930 erschien in der »Neuen Schweizer Rundschau«, die 1924 auch schon Gedichte von ihm gebracht hatte, seine erste gedruckte Erzählung Das Pferdchen (H. 12, Dez. 1930). 1931 zog H. nach Den Haag u. lebte dort »in der grössten geistigen Einöde« (Einl. zu den Notizen) bis 1937 als freier Schriftsteller u. Essayist. Obwohl er in jener Zeit praktisch nichts veröffentlichte, entstanden in Holland die Grundmanuskripte seiner wichtigsten Werke Nuancen und Details (1931-1935) u. Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung (1934-1936). Im Herbst 1937 kehrte H. in die Schweiz zurück u. ließ sich in Genf nieder, wo er bis zu seinem Tod unter zeitweise bedrückenden sozialen u. materiellen Bedingungen lebte. Die Legende von dem einsamen Asketen bedarf jedoch einer gewissen Korrektur, H., der sich fünfmal verheiratete, galt in jüngeren Jahren als sehr sinnl., von beiden Geschlechtern begehrter Mann u. war kulinarischen Genüssen ebensowenig abgeneigt wie dem Tabak bzw. dem Alkohol. Zeitweise nahm er auch Drogen, Dennoch arbeitete er niemals anders als nüchtern u. zeigte in seinem streng geregelten Tagesablauf eine bewundernswerte Arbeitsdisziplin. Überzeugt von der Wichtigkeit seiner selbstgestellten Aufgabe, kannte er keinen Kompromiß, wenn es um sein literar. Schaffen ging, das v.a. im intensiven Nachdenken über durch Lektüre gewonnene Erkenntnisse u. im Ausformulieren u. Präzisieren der dabei erarbeiteten Thesen u. Feststellungen bestand. Am bedeutsamsten waren dabei für H. die Werke Goethes, daneben spielten aber auch Balzac, Gide, Hölderlin, Thomas Mann, Katherine Mansfield, Proust, Rilke, Spinoza u. Valéry eine maßgebl. Rolle. Zugleich kreiste H.s Denken immer auch um die eigene Situation als Außenseiter der (schweizerischen) Gesellschaft u. um das eigene schriftstellerische Arbeiten. Die zwölf Titel der Notizen umreißen gleichzeitig die Bandbreite seiner Thematik: Vom Arbeiten, Vom Erreichbaren und vom Unerreichbaren, Reden, Schwatzen, Schweigen, Der Leser, Kunst, Vom Schreiben (Teil 1), Varia (enthält eine Reihe von Erzählungen sowie Helvetisches u. Von den Briefen), Apotheker (für H. der Inbegriff des Spießbürgers), Literatur, Traum und Träume, Vom Tod, Bild (Teil 2). Obwohl er sich sehr intensiv mit ihr auseinandersetzte u. ihr in vielem - z.B. der Arbeitsmoral näher stand, als ihm bewußt war, blieb seine Haltung der Schweiz gegenüber stets diejenige einer konsequenten Verweigerung. Da der dt. Buchmarkt ihm nicht offenstand u. das Klima in der Schweiz zwischen 1938 u. 1950 durch die sog. »geistige Landesverteidigung« u. deren Zwang zum Konsens bestimmt war, führte dies dazu, daß sein Werk erst in den 70er Jahren, als der Suhrkamp Verlag es im gesamten dt. Sprachraum zu verbreiten begann, die ihm gebührende Resonanz fand. Die vorangehenden, meist bruchstückhaften schweizerischen Editionen waren den Umständen ent-sprechend fast durchwegs Mißerfolge gewesen. 1939 hatte der linksstehende Zürcher Oprecht Verlag erstmals Prosa von H. verlegt: Nuancen und Details (Teil 1 u. 2). Bereits die Fortsetzung (Teil 3) mußte H. dann aber 1943 in Genf im Selbstverlag publizieren. 1939 edierte der Zürcher Morgarten Verlag die 13 Erzählungen Nächtlicher Weg, deren Titelgeschichte, eine Metapher für die Ausweglosigkeit des modernen Menschen, zu H.s vollendetsten Texten gehört. Der Morgarten Verlag hatte auch zugesichert, Die Notizen herauszubringen, eine Verpflichtung, die an den neugegründeten Artemis Verlag (Zürich) überging, der 1943 einen ersten Band mit den Teilen 1-4 veröffentlichte. Als der Verlag sich weigerte, auch den zweiten Band herauszubringen - Friedrich Witz bemängelte die Qualität, die z. T. autobiographische Tendenz u. die Spitzen gegen Schweizer Zeitungen-, kam es zu einem Prozeß vor dem Zürcher Handelsgericht, durch den der Verlag gezwungen wurde, 1954 auch die Fortsetzung zu publizieren. Abgesehen von zwei kleineren Publikationen im St. Galler Tschudy Verlag, den Erzählungen Vernunft und Güte (1956) u. dem Prosaband Wirklichkeiten (hg. u. kommentiert von Heinz Weder. 1963), blieb es im folgenden Jahrzehnt still um H., bis sich Otto F. Walter u. der Walter Verlag (Olten) seines Werks annahmen. 1964 erschien dort die erste vollständige Ausgabe von Nuancen und Details (Nachw. von Helmut Heißenbüttel) sowie u. d. T. Daß fast alles anders ist (1967) Auszüge aus Von den hereinbrechenden Rändern. 1971-1981 publizierte dann der Suhrkamp Verlag praktisch das ganze bis dahin vorliegende Werk H.s neu. 1975 konnte Suhrkamp auch die Erzählung Bergfahrt (Ffm.) präsentieren, deren Entstehungsgeschichte bis ins Jahr 1926 zurückreicht u. die H. 1973 ein letztes Mal überarbeitet hatte. Die strenge, an Camus' Mythe de Sisyphe (1943) erinnernde Parabel handelt von zwei Alpinisten, Ull u. Johann. Während Johann vor dem Berg kapituliert u. umkehrt, bezwingt Ull ihn zwar, stürzt aber beim Abstieg in den Tod. Johann seinerseits ertrinkt auf dem Heimweg in einem Bach. Die Bergfahrt wird hier zu einer Chiffre für die Existenz überhaupt, u. die Art u. Weise, wie H. sie gestaltet, liefert ein halbes Jahrhundert Schweizer Bergliteratur der Fragwürdigkeit aus. Die Erzählung überraschte selbst genuine H. - Kenner u. übte maßgebl. Einfluß auf jüngere Schweizer Autoren (z.B. Christoph Geiser) aus. Postum gaben Johannes Beringer u. Hugo Sarbach auch H.s dritten großen, allerdings nur fragmentarisch erhaltenen Reflexionenzyklus, die »Nachnotizen« Von den hereinbrechenden Rändern (Bde., Ffm. 1986), heraus.
Während das breite Lesepublikum seinem Werk oft ratlos gegenüberstand, fand H., wie Robert Walser, schon früh Anerkennung u. Förderung durch Schriftstellerkollegen wie Zollinger, Bänninger, Traugott Vogel u. Max Frisch. Inzwischen hat sich gezeigt, daß auch eine jüngere Schriftstellergeneration (u.a. Bichsel, Handke, Adolf Muschg u. Martin Walser) im kompromißlosen Denker u. strikten Verweigerer H. einen geistigen Vorläufer sieht. Seit 1985 nimmt sich eine in Zürich domizilierte Ludwig-Hohl-Stiftung H.s Werk an u. bereitet weitere Ausgaben aus dem Nachlaß vor.
WEITERE WERKE: Drei alte Weiber in einem Bergdorf. Mit einem Nachw. v. Elisabeth Brock-Sulzer. Bern 1970 (Neudr. aus: Nächtl. Weg). - Teildrucke aus: Die Notizen: Vom Erreichbaren u. vom Unerreichbaren. Ffm. 1972. - Nuancen u. Details. Ffm. 1975. - Varia. Ffm. 1977. - Vom Arbeiten. Bild. Ffm. 1978. - Das Wort faßt nicht jeden. Über Lit. Ffm. 1980. - Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung. Ffm. 1981 (vollst. Ausg. in 1 Bd.).
LITERATUR: Heinz Weder: Briefe v. Albin Zollinger an L. H. Bern/Stgt. 1965. - Xaver Kronig: L. H. Seine Erzählprosa. Mit einer Einf. In das Gesamtwerk. Diss. Bern 1972. - Adrian Ewald Bänninger: Fragment u. Weltbild in L. H.s «Notizen». Diss. Zürich 1973. - Werner Fuchs: Möglichkeitswelt. Zu L. H.s Dichtung u. Denkformen. Diss. Bern. 1980. - Johannes Beringer (Hg.): L. H. Materialienband. Ffm. 1981 (mit Bibliogr.).
(Bertelsmann Literaturlexikon)