«Die Metrik zerbreche ich und setze dafür die Rhythmik», war die Losung, unter die Arno Holz den «Phantasus» stellte – ein Riesenwerk aus um die Mittelachse zentrierten reimlosen Ver-sen, das 1898 zu erscheinen begann und beim Tod des Autors am 26.Oktober 1929 insgesamt 1584 Seiten umfasste. Der am 26. April 1863 im ostpreussischen Rastenburg geborene Berli-ner Literat spiegelte sich darin selbst als Magier und Zauberer, der den Berliner Alltag mit einer kosmisch-mythischen Vision zusammenbrachte: «Alle tausend Jahre/ wachsen mir Flügel. / Alle tausend Jahre /saust mein purpurner Drachenleib /durch die Finsternis.» – Für Aufsehen hatte Holz 1889 gesorgt, als er mit Johannes Schlaf unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen den Band «Papa Hamlet» publizierte, in dem erstmals die All-tagssprache der Berliner Hinterhöfe und der «Sekundenstil» verwendet sind. «Der Bund» nannte die stilistische Methode «eine höchst widerliche», während Gerhart Hauptmann «Vor Sonnenaufgang», sein erstes Drama, «Bjarne P.Holmsen, dem konsequentesten Realisten», widmete. Aber nicht Holz, der sei-ne Mühen auf den Faktor x der nach wie vor desolaten Produk-tionsbedingungen verwandte und die Formel «Kunst = Natur – x» kreierte, sondern Hauptmann führte den Naturalismus zum Sieg, während Holz’ Stücke «Familie Selicke», «Sozialaristo-kraten» und «Sonnenfinsternis» erfolglos blieben. Obwohl von den Gegnern als «Elephantasus» verspottet, bleibt «Phanta-sus» Holz’ grösste Leistung. Weniger in kosmisch-mythischer Hinsicht allerdings, als da, wo das Berlin von 1898 sinnlich-charmant zutage tritt: «So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe, die Lawntennis schlägt! / Roter gewellter Madonnenscheitel, /eine lichtblaue Blouse aus Merveilleux / und im flohfarbnen Gürtel ein Veilchensträusschen, / das nach amerikanischen Cigaretten duftet./ Abends ist Feuerwerk./ Man drängelt sich mit ihr in eine möglichst dustre Ecke,/ lässt sie sich schmachtend an seinen Busen lehnen / und sieht zu, wie die Sterne platzen. / Ah! / Ein Fünfminutenkuss und gar kein Fischbein.»