Thomas Hürlimann

(Zu seiner Novelle «Fräulein Stark»)

Pubertät in der Schweizer Literatur: Seit Jahren ist das Thema nicht mehr so hintergründig-tiefsinnig dargestellt worden wie in Thomas Hürlimannns eben erschienener Novelle «Fräulein Stark»! Da kommt zu Beginn der sechziger Jahre, im letzten freien Sommer bevor er in eine Klosterschule eintritt, ein zwölf-, dreizehnjähriger Junge in eine Stadt, die St.Gallen sein könnte, und erlebt da auf eine Weise, die seelische Prozesse unmittelbar in leuchtende Bilder umsetzt, das Erwachen seiner Männlichkeit und die Konfrontation mit den in seinen Talenten, Beziehungen und Konstellationen angelegten Lebensmöglichkeiten.
Ort und Movens des inneren und äusseren Reifungsprozesses ist ein wunderbares literarisch-metaphysisch-kulturhistorisches Konstrukt, das nur in seiner banalsten Vordergründigkeit ein Abbild der St.Galler Stiftsbibliothek ist: eine mit den Schätzen der Vergangenheit durch die Gegenwart fahrende Bücher-Arche, unendlich verwinkelt und labyrinthisch ins Uferlose sich ausweitend, konzentriert um das Faszinosum einer eigentlichen Bücherkirche, die mit einem unendlich kostbaren alten Parkett ausgestattet ist und Touristen aus aller Welt in ihren Bann schlägt. Aus Kafkas «Schloss», aber auch aus dem «Decamerone» könnte es stammen, das Personal dieses Schiffes: zwei verschlafene Türgreise, die den Eingang bewachen, ein weissbehandschuhter Garderobier und eine ganze Schar von Hilfsbibliothekaren, die in ihrem Scriptorium abwechselnd Karteikarten ausfüllen und Schnaps trinken – letzteres, weil sie ihr Dasein als «Trübsaltrommler» sonst nicht aushalten würden. Oberster Herrscher des Bücherreichs ist Stiftsbibliothekar Katz, ein skurril-exzentrischer, aber keineswegs humorloser Prälat und Buchgelehrter von barockem Gehabe. «Nomina ante res» («Zuerst die Wörter, dann die Dinge») lautet sein Motto, aber für ein wüstes altherrliches Saufgelage mit ehemaligen Couleurbrüdern ist er stets zu haben, und so eindeutig, wie es von aussen erscheint, ist er wohl auch dem weiblichen Geschlecht nicht abhold. Seit Menschengedenken ist das Fräulein Stark, eine tüchtige Kraft aus dem Appenzellischen, seine Köchin und sein Faktotum, und längst hat sich zwischen der Analphabetin und dem Gelehrten eine Symbiose entwickelt, die nicht nur das Privatleben, sondern auch die Bibliothek beherrscht und bei der der weibliche eindeutig der dominierende Teil ist: «Ohne sie wäre die Arche längst auf ein Riff gelaufen, das Scriptorium im Trunk verkommen, der Onkel in der Gosse gelandet.»
«Hic est nepos praefecti» («Das ist der Neffe des Vorstehers»), hört der junge Mann bei seiner Ankunft ausrufen, und er wird nicht nur in den Haushalt des Onkels und in die Obhut von Fräulein Stark aufgenommen, sondern regelrecht angestellt: als «Pantoffelministrant am Portal zur Bücherkirche», dem es überantwortet ist, den (vorwiegend weiblichen) Besuchern jene Filzpantoffeln über die Schuhe zu stülpen, die zur Schonung des kostbaren Parketts Vorschrift sind. Dazwischen aber darf er in den Schätzen der Bibliothek schmöckern, was das Herz begehrt, und er kommt bald einmal darauf, dass das Interessanteste, was er da finden kann, Dokumente über die Familie Katz sind: jene kuriose, offenbar ostjüdische, im tiefsten widerborstige und unbürgerliche Familie, der er und der Bibliothekar angehören und der die rechtschaffen-spiessbürgerliche Haushälterin ein tief eingewurzeltes Misstrauen entgegenbringt.
Obwohl bei diesen Recherchen die eine oder andere süffige Story zum Vorschein kommt – die Vita des Grossvaters Joseph Katz z.B., der zuerst Briefträger und Vormund seiner vier Geschwister war, dann als Dr.jur. in eine Fabrikantenfamile einheiratete, Bankrott machte und am Ende noch Bademeister wurde – : die geschlechtliche Initiation des jungen Mannes erfolgt nicht lesenderweise, sondern ganz konkret und hand- bzw. fussgreiflich mitten in der fromm-beschaulichen Bücher-Arche drin. Bei jenem Pantoffel-Anziehen nämlich, das den devot Daknieenden allmählich zum Voyeur werden lässt und ihm unter den Röcken der Besucherinnen immer mehr vom Geheimnis des Weiblichen – Dessous, Strümpfe, Nähte, «das heilig Weisse ob der Strumpfgrenze» – enthüllt. Zuerst sind es nur unkeusche Blicke, gegen die das wachsame Fräulein Stark die Beichte in Anschlag zu bringen vermag, dann sind es Gerüche, Düfte und schliesslich, als der Blick mit einem Spiegelchen fokussiert und mittels einer Brille verstärkt wird, beides zusammen sowie eine unbestimmbare Erregung, die den Sünder nachts dazu bringt, die Kniesocken, die die Stark ihm zur Strafe gestrickt hat, mit jenen «Logoi spermatokoi» zu befeuchten, in deren «sternenhaftem Ausstreuen» Onkel Bibliothekar, dunkel philosophierend, den eigentlichen Sinn seines Bücherschiffs sieht.
Die Art und Weise, wie Hürlimann seinen Probanden in die Welt der Erotik einführt, verrät nicht nur den Meister der Seelenzeichnung und den Virtuosen der bildmässigen Umsetzung sinnlicher Phänomene, sie zeigt auch, wie intim vertraut er noch mit jener längst liquidierten Welt der katholischen Moral ist, die der Sexualität ihre besondere Intensität und Brisanz vermittelte, indem sie ihr den Reiz des Verbotenen verlieh. Derart euphorisch-exzessiv vermag er allein mit Worten und Andeutungen die Begierde und Neugier des jungen Mannes nach dem Geheimnis der über ihm schwebenden Stoffglocken zu steigern, dass bei aller Trivialität ein Vergleich zu den legendären eleusischen Mysterien nicht abwegig erscheint, die sich ja letztlich ebenfalls in der blossen Sehnsucht erschöpften und für den zu nichts zerfielen, der sie wirklich zu sehen bekam.
Hürlimann bleibt aber nicht bei der (immer mit Humor durchsetzten) Evokation des Sexuellen als einem für den jungen Mann (noch) nicht durchschaubaren bzw. überhaupt nie endgültig enträtselbaren Geheimnis stehen, sondern verzahnt die partielle Initiation seines Probanden mit nicht weniger als vier subtil angedeuteten Liebesgeschichten.
Da ist einmal die geheime Liebe zwischen dem Bibliothekar und Fräulein Stark, die sich am schönsten in der Eifersucht enthüllt, mit der der eine Part eine allzu enge Bindung des kleinen Feriengasts an den anderen zu verhindern sucht. Zweitens ist da das Verhältnis zwischen der Stark und dem Neffen, das sich von einer harsch-repressiven Bemutterung in eine Zuneigung mit durchaus auch erotischen Untertönen wandelt; drittens dasjenige zwischen dem Neffen und der behinderten Serviertochter Hanni, deren uneigennützige Zuneigung und deren klobiger Spezialschuh sich von all dem in jenem Sommer Erlebten am unvergesslichsten in seine Träume und Erinnerungen eingraben werden – und viertens wäre da die wortkarge Bindung zwischen dem Neffen und dem kauzigen alten Büchernarren selbst zu nennen, die am Ende der Geschichte, als der junge Mann «bekehrt» ins Kloster abreist, durch den Sieg der «grundbraven, kreuzkatholischen, kantsittlichen» über die kätzisch-ungebärdige, genialisch-aussenseiterische Variante zunächst endgültig disqualifiziert erscheint, aber Jahrzehnte später, wenn der ehemalige Feriengast sich als Schriftsteller schliesslich voll und ganz dem «Kätzischen» seines Wesens zuwendet, doch noch triumphiert.
(Weshalb es ziemlich unverständlich ist, dass der ehemalige St.Galler Stiftsbibliothekar und Hürlimann-Onkel Johannes Duft, der sich und seine Haushälterin mit Recht in dem Werk gespiegelt sehen darf, es öffentlich als beleidigendes Machwerk verdammt. Genau besehen wird er in dem Werk – so man denn, was immer falsch ist, Dichtung und Leben eins zu eins gegeneinander setzen will – ja nicht nur nicht diffamiert, sondern steht am Ende, mit der wundervoll lebendig und tiefgründig gezeichneten Seele von Haushälterin als Kontrapunkt, in der ganzen Wucht seiner barocken Erscheinung als heimlicher Held der Geschichte da.)
Kaum je seit Heinrich Federer ist die katholische Schweiz so liebenswürdig-humorvoll, so kräftig farbenfroh abgebildet worden wie in diesem Buch. Und doch hätte Thomas Hürlimann sich selber untreu werden müssen, wenn nicht auch das Satirisch-Karikierende und das Historisch-Entlarvende darin seinen Stellenwert hätte. So gibt es in dem Buch, von der humoristisch-ironischen Zeichnung der Figuren selbst einmal abgesehen, eine glänzende Satire auf die Appenzeller »Dieselbigkeit», in der sich stets das gleiche in wenig aufregender Weise wiederholt, so bekommt das St.Gallen der Nazizeit, das am Ende bekanntlich nicht gerade mit weisser Weste dastand, durchaus sein Fett ab, und so werden der latente Antisemitismus und die fatale Wirtschaftspolititk jener Jahre sarkastisch zueinander in Beziehung gesetzt, wenn der wetterwendische, Honoratior Tasso Bieri am Altherrenabend unter Hinweis auf den so benannten Brotaufstrich lauthals verkündet: «Mit dem g’stampften Juden … haben wir unseren Füsilier durch den Krieg gefüttert.»
Nur 192 Seiten lang ist sie, die Novelle «Fräulein Stark», aber in der geglückten Leichtigkeit ihrer Textur und in der parabelhaften Tiefgründigkeit ihres Gehalts wird sie im kommenden Bücherherbst manchen dicken Wälzer aufwiegen. Zu hoffen bleibt jedenfalls, dass Thomas Hürlimann sich weder durch die humorlosen Reaktionen aus seiner Verwandtschaft, noch durch das Geschrei der Medien wird aus der Ruhe bringen lassen und dass er nun vielleicht sogar daran geht, mit der gleichen luziden Souveränität auch das nächste Kapitel seines Lebens, die acht Jahre Einsiedler Klosterschule, zum beglückenden Leseerlebnis zu machen.
(Thomas Hürlimann: «Fräulein Stark». Novelle. Ammann-Verlag, Zürich. Reihe Meridiane, 2001)