«Ich war freudig erregt, als hätte ich endlich eine Botschaft abgeliefert, die lange auf mir gelastet hatte.» So erinnerte sich Stephan Hermlin 34 Jahre später an den Herbst 1945, als der Morgarten-Verlag den Erstling «12 Balladen von den grossen Städten» gedruckt hatte und er ihn in den Auslagen der Zürcher Buchhandlungen suchte. Er war damals Redaktor der Internierten-Zeitung «Über die Grenzen», deren Impressum auch seine Adresse vermerkte: «Arbeitslager Birmenstorf.»
Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns war in Berlin aufgewachsen und 1931, mit 16, in den kommunistischen Jugendverband eingetreten. 1936 ging der gelernte Drucker nach Palästina und dann nach Frankreich, von wo aus er 1943 in die Schweiz floh. Ab 1947 lebte er in Ost-Berlin und wurde nach 1949 einer der einflussreichsten Schriftsteller der DDR, konnte es sich als Honecker-Intimus allerdings leisten, die Niederschlagung des Aufstands von 1953 ebenso gutzuheissen wie den Mauerbau und dennoch für die Dissidenten zu optieren. So förderte er Volker Braun und Sarah Kirsch und protestierte 1976 offen gegen die Ausweisung Wolf Biermanns.
Hermlin, der vor allem als Lyriker reüssierte, war so dezidiert Antifaschist gewesen, dass er den Kommunismus über alle Sündenfälle hinweg als einzige Alternative ansah und sein Werk bis hin zu Hymnen auf Stalin in dessen Dienst stellte. Kein Wunder denn, dass er nach 1991 für viele nichts anderes mehr als ein zu Fall gebrachter Funktionär des gescheiterten Regimes war. Als Karl Corino aber 1996 aufdeckte, dass er 1979 im Band «Abendlicht» seine Rolle im NS-Staat und im Spanischen Bürgerkrieg geschönt bzw. umgedichtet hatte, empfand Hermlin die publikumswirksamen «Enthüllungen» als Todesstoss. Er starb 82jährig am 8.April 1997 in Berlin, und bei der Trauerfeier im Berliner Ensemble verurteilte Günter Grass all jene, die ihn «wie ein Freiwild gehetzt» hätten, und nannte ihn «einen deutschen Patrioten im Sinne der Aufklärung».