«Warum war die Natur so verrückt, mich nicht unter Napoleon geboren werden zu lassen? Götter, mit welcher Begeisterung ich das ,vive l’empereur‘ geschrien hätte. Ich wäre wahrhaftig nicht wie Kleist oder das Schwein Göthe, der überhaupt nichts gemacht hat, ruhig in Preussen sitzen geblieben. – Könnte ich doch immerzu in Begeisterung sein, was würde ich leisten –.»
Georg Heym war 24, als er das im Oktober 1911 ins Tagebuch notierte. Im schlesischen Hirschberg als Sohn eines Staatsanwalts geboren, war er 1905 wegen nächtlicher Kneipgelage vom Joachimsthaler Gymnasium geflogen, hatte in Jena, Würzburg und Berlin Jus studiert und war nach der Staatsprüfung im Januar 1911 Referendar am Amtsgericht Berlin-Lichterfelde geworden, aber wegen mutwilliger Vernichtung einer Akte entlassen worden. So suchte er durch Vermittlung des Vaters eine Position als Fahnenjunker bei einem Regiment, begann im Zweitstudium Anglistik und Orientalistik zu studieren und machte gleichzeitig immer mehr Furore mit seinen drastisch-ekzessiven, bei aller Bewahrung der Form stupend modernen Gedichten, die von Benn und Rilke bewundert wurden und ihm Kurt Hillers Beurteilung einbrachten, er sei «der wuchtigste, riesenhafteste; der dämonischste, zyklopischste unter den Dichtern dieser Tage.»
«Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, /Und die beringten Hände auf der Flut/ Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten/ Des grossen Urwalds, der im Wasser ruht», beginnt «Ophelia», eins der Gedichte aus dem 1911 bei Rowohlt erschienenen Erstling «Der ewige Tag». Als Georg Heym am 16.Januar 1912 zusammen mit dem Freund Ernst Balcke, der 1906 in einer Schülerzeitschrift seine ersten Gedichte, «De profundis» und «Einem toten Freunde», publiziert hatte, beim Eislaufen in der Havel ertrunken war, fand man auf seinem Pult ein Blatt mit den Zeilen: «Ich liege tief in einem goldenen Meer, die Sonne ganz oben, sie wird mich nie mehr wecken.»