Paul Ilg
1916, als Paul Ilg seinen Roman Der starke Mann veröffentlichte und damit den preussisch-autoritären Führungsstil vieler schweizerischer Offiziere an einem besonders krassen Beispiel ad absurdum f'ührte, ging ihm ein Brief mit folgender Aufforderung zu: »Passen Sie auf, man wird Ihnen Absichten unterschieben, Ihr Buch zum Vorwand nehmen. Spittelers Kopfklärung wäre ein wahrer Segen gewesen, wenn er nachträglich auch die andern Köpfe gewaschen hätte: dass er es bleiben liess, wirft ein Licht auf die Parteilichkeit seiner Motive. Wenn Sie also gegen die Armee ausgespielt werden, wie ich fürchte, können Sie die einseitige Tendenz Ihres Buches dadurch ins Gleichgewicht bringen, dass Sie auch den Herren Militärfeinden ein Wörtlein sagen.« Der Briefschreiber aber war niemand anders als Robert Faesi, Verfasser des Füsilier Wipf, jenes Werkes also, das dem Schweizer Soldatentum schon 1915 ein sehr schmeichelhaftes Denkmal gesetzt und den autoritären General Wille als allseits verehrte nationale Vaterfigur gezeichnet hatte.
Den Vergleich mit Spitteler brauchte Faesi nicht zufälllg, denn ebenso wie über dessen Rede Unser Schweizer Standpunkt von 1914 gingen auch über Ilgs Roman die Meinungen weit auseinander. Von bürgerlicher Deutschschweizer Seite wurde das Buch als Tendenzwerk abgelehnt, die Offiziersvereine tobten. Die Welschen dagegen feierten den Roman als Schlag gegen die Militär-Lobby und druckten ihn in Übersetzung nach. Wie unsachlich bald schon argumentiert wurde, macht z. B. Felix Moeschlin deutlich, der das Buch 1917 schon deshalb »etwas Unerfreuliches« nannte, »weil es in der &Mac221;Semaine littéraire&Mac220; die lobende Besprechung erfahren hat, die zu befürchten war«. Da halfen die massvollen Stimmen Konrad Falkes und Ernest Bovets nichts mehr: Der starke Mann war zum Politikum geworden und wurde dieses Odium nie wieder los. Wie im Falle Spittelers hatte dies aber auch für Ilg, der dank seiner grossartigen Roman-
Tetralogie Das Menschlein Matthias (1906-1913) in Deutschland viele begeisterte Leser besass, fatale Folgen. Der Verkauf seiner Bücher stagnierte, und noch 1921 forderte die Deutsche Zeitung den Buchhandel auf, Ilgs Werke als deutschfeindlich zu boykottieren.
Als Ernst Lubitsch den Starken Mann verfilmen wollte, sperrte die UFA um 1925/26 den Kredit mit der Begründung, ein pazifistischer Film sei am Weltmarkt nicht durchzusetzen. Dabei wäre Der starke Mann eine Filmvorlage par excellence! Wie der streberische Leutnant Lenggenhager mit seiner noblen Braut auf den väterlichen Hof einfährt und gedemütigt wird, wie der provokante Offiziersball sein tumultuöses Ende findet, wie Lenggenhager in blinder Wut einen Demonstranten niederknallt und wie er sich am Schluss beim Derby vor der ganzen Crème de la société erschiesst - all das ist so präzis und mit so gnadenloser Konsequenz erzählt, als hätte Ilg bewusst die Vorlage für einen spannenden Film über die Gefahren des Militarismus liefern wollen!
Der starke Mann ist, kommentiert von Martin Stern, seit 1981 in der Ex Libris-Edition »Frühling der Gegenwart« greifbar. (Literaturszene Schweiz)
Ilg, Paul
*Salenstein (TG) 14.3.1875, Uttwil (TG) 15.6.1957, Journalist und Schriftsteller. Wie I. in seinem bedeutendsten literar. Werk, der autobiograph. Roman-Tetralogie »Das Menschlein Matthias« (1906-13, Neuausgabe 1941-43, zuletzt in einem Bd. 1959), kaum verfremdet schildert, wuchs der Sohn einer Fabrikarbeiterin auf dem grosselterl. Bauerngut auf und lebte dann als Hausierer, ehe er in St.Gallen die Realschule besuchen und eine Berufslehre beginnen konnte. 1896 war er Sekretär der Genfer Landesausstellung, 1900-02 Redaktor bei der »Woche« in Berlin. Seit 1904 lebte er, zunächst unterstützt durch die Schriftstellerin Annemarie von Nathusius, als freier Autor in Berlin, Überlingen und Uttwil. I. hatte sich seine Bildung autodidakt. erworben und vertrat mit den z.T. unmittelbar bewegenden Romanen des »Matthias«-Zyklus (»Lebensdrang«, 1906; »Der Landstörtzer«, 1909; »Die Brüder Moor«, 1912; »Das Menschlein Matthias«, 1913) innerhalb der dt. Literatur eine an Zola und Maupassant orientierte eigenwillige, wenn auch qualitativ nicht gleichbleibende Spielart der sozialkrit. und proletar. Literatur. I. verspielte seinen Kredit beim dt. Lesepublikum, als er 1916 in seinem auch von Schweizer Armeekreisen bekämpften Roman »Der starke Mann« (1916, Neuausgabe 1981) den Militarismus preuss. Art an den Pranger stellte und lächerl. machte. In später erschienenen, nicht autobiograph. Werken wie der Biographie des Flugpioniers O. Bider (»Probus«, 1922) oder dem Filmroman »Sommer auf Salagnon« (1937) gesellte I. sich nicht ohne Erfolg den Vertretern einer eher anspruchslosen Unterhaltungs- und Sensationsliteratur zu. - Weitere Werke: Maria Thurnheer (Nov., 1916), Der Führer (Dr., 1918), Ein glückl. Paar (E., 1924), Das Mädchen der Bastille (R., 1933), Der Erde treu (Ged., 1943), Grausames Leben (R., 1944).
Lit.: Stern, M.: P.I. Nachwort zu »Der starke Mann«, neu hg. von C. Linsmayer, Zürich 1981; Schubert, N.: P.I., in: Uttwil, das Dorf der Dichter und Maler, Uttwil 1988. (Schweizer Lexikon)
Ilg, Paul
* 14. 3. 1875 Salenstein/Kt. Thurgau, 15. 6. 1957 Uttwil/Kt. Thurgau. - Erzähler, Dramatiker u. Lyriker.
Der unehel. Sohn einer Fabrikarbeiterin verbrachte die ersten Lebensjahre auf dem Bauerngut der Großeltern, wurde anschließend Hausierer im Appenzellerland u. versuchte es nach der Absolvierung der Realschule in St. Gallen als Schlosser-, Koch- u. Handelslehrling, bis er Sekretär der Genfer Landesausstellung von 1896 u. ab 1900 Redakteur bei der »Berliner Woche« wurde. Gefördert durch die exzentr. Dichterin Annemarie von Nathusius, lebte er ab 1904 zunächst in Berlin u. später in Überlingen bzw. in Uttwil als freier Schriftsteller. I. erarbeitete sich seine Bildung autodidaktisch. Unmittelbare literar. Vorbilder waren ihm Zola u. Maupassant, in deren Manier er in seinen gelungensten erzählerischen Texten die eigene schwere Kindheit u. Jugend zu weitgespannten, sozialkritisch relevanten Romanen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht dabei die Tetralogie Das Menschlein Matthias (Zürich 1941-43. Gekürzt in einem Bd. 1959), welche die urspr. selbständigen Teile Das Menschlein Matthias (Stgt. 1913. Bern 1939). Die Brüder Moor (Lpz. 1912), Lebensdrang (Stgt. 1906. Lpz. 1912. 1923) u. Der Landstörtzer (Bln. 1909. Lpz. 1912) umfaßt. Das Werk ist letztlich ein negativer Entwicklungsroman, denn Matthias Böhi, das Arbeiterkind, scheitert an den Bedingungen des bürgerl. Lebens u. endet als moderner Landstörtzer, der ruhelos herumwandert u. nur in der Einsamkeit der Natur noch Trost findet. Stark gesellschaftskritisch orientiert war auch I.s Roman Der starke Mann (Frauenfeld 1916. Zürich 1981), eine eindringl. Parabel über das Scheitern eines fanat. Militaristen, die während des Ersten Weltkriegs in der dt. Schweiz als armeefeindlich bekämpft wurde u. den Autor auch seinem an Schweizer Heimatliteratur interessierten dt. Lesepublikum merklich entfremdete. Nach dem Krieg wandte sich I. mit Erfolg sensationellen Stoffen wie der Biographie des Schweizer Flugpioniers Oskar Bider (Probus. Zofingen 1922) oder der Chronik einer skandalumwitterten Insel im Genfer See (Sommer auf Salagnon. Ein Filmroman. Bern 1937) zu, erreichte aber die erzählerische Dichte u. Glaubwürdigkeit seines autobiographisch bestimmten Frühwerks nicht wieder.
WEITERE WERKE: Maria Thurnheer. Frauenfeld 1916 (E.). - Der Führer. Lpz. 1918 (D.). - Das Mädchen der Bastille. Zürich 1933 (R.). Der Erde treu. Zürich 1943 (L.). - Grausames Leben. St. Gallen 1944 (R.). - Der Hecht in der Wasserhose. Arbon 1953 (humorist. E.en).
LITERATUR: Martin Stern: P. I. Nachw. zu «Der starke Mann». Neu hg. v. Charles Linsmayer. In: Edition «Frühling der Gegenwart» Zürich 1981. - Nicolaus Schubert: P. I. In: Uttwil, das Dorf der Dichter u. Maler. Uttwil 1988. (Bertelsmann Literaturlexikon)