«Du darfst mich töten, wenn du mich nur liebst», sagt eine Figur im Drama «Pastor Ephraim Magnus», für das der am 17.November 1894 in Hamburg geborene Hans Henny Jahnn 1920 den Kleist-Preis bekam. Die Liebe ist das einzige, was Jahnns Figuren in unbändiger Todesangst «dem gleichgültigen Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens» entgegenzusetzen haben. Eine Liebe von so elementarer Wucht, dass die meist homoerotischen Begegnungen fast immer in gewalttätige Exzesse ausarten – wenn sie sich nicht überhaupt auf das Inein-anderverwesen im gemeinsamen Grab reduzieren. Als Architekt, Orgelbauer und Hormonforscher suchte der sprachmächtige Expressionist nach den immer gleichen harmonikalen Ge-setzen, die er von den Pyramiden herleitete und die auch der Körperlichkeit des Menschen – nicht der Seele! – Dauer garantieren mussten. Darum wollte die 1921 mit dem «Blutsbruder» Gottlieb Harms gegründete kurzlebige Glaubensgemeinde Ugrino in der Lüneburger Heide Tempel bauen, wo «Abtrünnige», in Zinksärgen mumifiziert und von Orgelmusik beschallt, dem «Fürchterlichen» trotzen sollten. Signe, eine von Jahnns packendsten Frauenfiguren, verachtet 1929 im Roman «Perrudja» den Protagonisten dieses Namens nicht, weil er ihren Geliebten tötete, sondern weil er es ihr verheimlicht, und in «Fluss ohne Ufer», dem 2200seitigen, 1935–1949 auf Bornholm verfassten Roman einer Männerliebe, überschreitet die Abtrünnigkeit jedes Mass: Der laszive Matrose Tutein tötet die Verlobte des Musikers Gustav Anias Horn und bringt diesen in eine Hörigkeit, die nicht nachlässt, als er stirbt und Horn ihn einbalsamiert bei sich behält. Eines Tages aber taucht der mysteriöse Ajax auf und zwingt Horn, ehe er ihn tötet, die Mumie im Meer zu versenken. Was er Horn und Tutein verwehrt, realisierte Jahnn für sich selbst. Wer die Runen auf dem Grab entziffert, in das sein Zinksarg nach seinem Tod am 29.Oktober 1959 auf dem Friedhof von Hamburg Blankenese gesenkt wurde, erfährt, dass sein Freund Gottlieb Harms schon 1931 da bestattet worden war...