Als Franz Kafka am 27.August 1911 mit Max Brod die Zürcher Bahnhofstrasse hinaufging, um im Männerbad Bürkliplatz zu baden, empfand er «ein starkes Sonntagsgefühl bei der Einbildung, hier Bewohner zu sein.» Ganz im Gegensatz zum Altstädter Ring in Prag, wo sich fast sein ganzes Leben abspielte: Im Haus zum Turm, wo er am 3.Juli 1883 zur Welt kam. Im Kinsky-Palais, wo er bis 1901 das Gymnasium besuchte und wo im Parterre das Modewarengeschäft seines Vaters untergebracht war, von dem er bis zuletzt nicht loskam und dem noch der 36jährige vorhielt, sein Schreiben sei eine einzige Anklage gegen und «ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied» von ihm. An der Universität schliesslich, wo er Jus studierte und das Bild jener absurden Gesetzesmaschinerie in sich entstehen liess, die seinem Œuvre das Siegel «kafkaesk» aufdrücken und sein fiktives Alter ego Josef K. im «Prozess» dazu bringen sollte, freiwillig die Hinrichtung auf sich zu nehmen.
Nirgends sonst ist die Unbehaustheit und Verlorenheit des modernen Menschen so eindringlich und in einer derart klaren, nüchternen Sprache umgesetzt wie in den subversiven Fabeln und Schreckensvisionen von Erzählungen wie «Verwandlung», «Das Urteil» oder «In der Strafkolonie» bzw. in den unvollendeten Romanen «Der Verschollene», «Der Prozess» und «Das Schloss». Werke, die erst Jahrzehnte nach dem Tuberkulosetod des 41jährigen im Jahre 1924 in ihrer Bedeutung erkannt wurden und die heute dastehen als das Vermächtnis eines Mannes, der der Dominanz des Vaters in der Liebe zu entkommen suchte und gerade deshalb im privaten Leben immer wieder scheiterte, während er aus Angst und Depression heraus Texte schuf, von denen selbst Rainer Maria Rilke sagen musste: «Ich habe nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, die mir nicht auf das eigentümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wären.»