Isabelle Kaiser

»Wenn diese weiche, warme Stimme zu klingen beginnt in dunklen Lauten mit einem leisen, pikanten französischen Akzent, dann vergisst man die Welt und die Menschen um sich und lauscht nur und möchte immer lauschen und sich von diesen seelenvollen Tönen forttragen lassen in ein Land voll Pracht und Schönheit.« - Die Stimme, die den Berichterstatter des Aarauer Dichterabends vom 3. Dezember 1908 fast in Trance versetzte, war diejenige der zweisprachigen Innerschweizer Schriftstellerin Isabelle Kaiser.
1866 in Beckenried geboren, hatte sie ihre Jugend in Genf verbracht und war schon früh darauf verfallen, ihre Sehnsüchte französischen Versen anzuvertrauen. 1888, als sie längst wieder in der deutschen Schweiz, in Zug, lebte, erschien in Genf ihr lyrischer Erstling Ici bas. Im gleichen Jahr schrieb sie aus Enttäuschung über die Treulosigkeit eines Geliebten ihren ersten Roman: Cœur de femme (Rahels Liebe), die Geschichte einer Frau, die ihren Liebeskummer karitativ nutzbar macht und ihr Leben in keuscher Entsagung dem Dienst am Kranken weiht. Noch deutlicher autobiographisch war Marcienne de Flue (Die Friedensucherin), ein Roman, der 1908/09 fast gleichzeitig auf deutsch und französisch erschien. Isabelle Kaiser schwor jedenfalls auch persönlich der irdischen Liebe ab und lebte seit 1902 zurückgezogen in ihrer Beckenrieder Dichterklause »Ermitage«. Dort empfing sie Freunde wie Carl Spitteler oder Ernst Zahn als eine Art poetische Traumtänzerin: eingehüllt in ein antikisierendes weisses Schleppgewand, die rabenschwarzen Schmachtlocken wild über das leidgeprüfte, ernste Gesicht verteilt.
Obwohl sie zu Lebzeiten von Paris bis Berlin eine legendäre Berühmtheit war und die »Ermitage« nach ihrem 1925 erfolgten Tod ein Museum hätte werden sollen, hat kaum eines ihrer Bücher dem Staub der Jahrzehnte standgehalten. Am stilsichersten war sie noch in kurzen Novellen wie Der Herr Marquis oder Der Leuchtturm - raffiniert gebaute Kabinettstücke, in denen ihr Hang zu Pose und Theatralik sich ungeniert ausleben konnte. Ganz selten bloss, wenn unter unaufhörlichen Gefühlsausbrüchen die existentielle Not einer zutiefst einsamen Seele durchzuschimmern scheint, machen auch die autobiographischen Texte noch betroffen.
Zweifellos hat die ewig kränkelnde Frau eine zu grosse Bürde auf sich genommen, als sie in geschmacklich ohnehin verunsicherter Zeit trotz eher dürftiger Bildungsvoraussetzungen zugleich in zwei Sprachen reüssieren wollte. Was sie zu sagen hatte und wie sie es zu sagen vermochte, deckte sich kaum mit dem exzentrischen Gehabe einer »Priesterin der Dichtkunst«, als welche sie allerdings immer wieder Furore machte. So verbreitete sich z. B. anlässlich einer Visite bei C. F. Meyer, den sie mit Spitteler zusammen aufsuchte, in Kilchberg sofort das Gerücht, die spanische Exkönigin Isabella und ihr Liebhaber Marfori seien im Dorf gesehen worden ...
(Literaturszene Schweiz)

Kaiser, Isabelle

*Beckenried (NW) 1.10.1866, †ebd. 17.2.1925, Schriftstellerin. Nach der Kindheit und Schulzeit in Genf und Zug publizierte die sensible, von vielerlei Krankheiten und seel. Leiden heimgesuchte K. ein erstaunl. umfangreiches, abwechselnd in dt. und frz. Sprache gehaltenes Œuvre, das Lyrik, Romane und Erzählungen umfasste. Am berühmtesten wurde der autobiograph. Roman »Cœur de femme«/»Rahels Liebe« (frz. 1891, dt. 1920), der darstellt, wie eine junge Frau die Enttäuschung über eine gescheiterte Liebesbeziehung durch Dienst am kranken Mitmenschen überwindet. Überzeugender sind jedoch kürzere Novellen und Erzählungen, wie sie z.B. in »Seine Majestät« (1905) gesammelt sind. Seit 1902 lebte die Dichterin, die nicht nur von einer grossen Leserschaft, sondern z.B. auch von C. Spitteler sehr geschätzt wurde, zurückgezogen in ihrer Dichterklause »Ermitage« in Beckenried. … Lit.: Marbach, F.: I.K. Der Dichterin Leben und Werk, Rapperswil 1941 (mit Bibliographie); Koch, H.: Zuger Köpfe, Zug 1943. (Schweizer Lexikon)