«Brichst du auf gen Ithaka, /wünsch dir eine lange Fahrt,/ voller Abenteuer und Erkenntnisse(...) / Immer halte Ithaka im Sinn. /Dort anzukommen ist dir vorbestimmt./ Doch beeile nur nicht deine Reise./ Besser ist, sie daure viele Jahre;/ Und alt geworden lege auf der Insel an, /reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst...» Die Mythologie, die Bilderwelt, aber auch der philosophische Reichtum der uralten griechischen Kultur standen dem Schöpfer dieses Gedichts, dem am 29. April 1863 in Alexandria geborenen und 70 Jahre später, am 29. April 1933 in der gleichen Stadt verstorbenen Konstantin Kavafis, zur Verfügung, als er der Erkenntnis, dass der Weg das Ziel der (Lebens-) Reise sei, lyrischen Ausdruck gab.
Obschon er in der Kindheit, als das väterliche Geschäft blühte, fünf Jahre in England lebte, war Alexandria, wo er sich 1885 endgültig niederliess und bis 1922 in der englischen Kolonialverwaltung tätig war, der Dichtungsraum dieses höchst gebildeten Diaspora-Griechen, der sich als Nachfahre der Aufbruchszeit des Hellenismus verstand, aber die Formen, die er vorfand, nicht einfach übernahm, sondern aufbrach und einer modernen Diktion aussetzte. Neben einigen Essays und Notaten besteht sein Werk aus den 154 Gedichten, die zwei Jahre nach seinem Tod erstmals gesammelt im Druck herauskamen, nachdem er sie zu Lebzeiten nur auf losen Blättern an seine Freunde verteilt hatte. Kavafis verwendet zwar mythische Schauplätze und Figuren, lässt aber moderne Lebenssituationen und Schicksale durchschimmern und stellt der antiken Rhetorik und Blumigkeit eine karge, lakonische Sprache gegenüber, die oft ganz nahe an der Prosa ist. Überraschend frei geht er dabei mit der Darstellung der homosexuellen Erotik um, die allerdings nie als gegenwärtige Erfahrung, sondern als Erinnerung an längst vergangene Begegnungen erscheint. Exponent einer Übergangszeit, hütete Kavafis sich auch, politisch Stellung zu beziehen, so dass es nach wie vor unklar ist, ob der neben Elytis, Ritsos und Seferis bedeutendste neugriechische Lyriker mit seinem berühmtesten Gedicht, «Warten auf die Barbaren» von 1898, die britische Kolonialmacht kritisierte oder nicht.