John Knittel

John Knittels Theaterstück Protektorat ist eine Dramatisierung des 1931 erschienenen Romans Abd-elKader. Der französische General de Sonloup gerät zusammen mit seiner zwanzigjährigen Tochter Renée in einen Hinterhalt der marokkanischen Berber, gegen die ein erbarmungsloser Kolonialkrieg im Gange ist. Während der General stur bei seiner Eroberermoral bleibt, lernt die Tochter in der langen Gefangenschaft die eingeborenen Berber als liebenswerte und den Europäern ebenbürtige Menschen kennen, ja, sie verliebt sich sogar in den Anführer des Widerstands, Pascha Abd-el-Kader, und reist als seine Unterhändlerin ins französische Lager. Doch die Eloquenz der Französin, die sich als Vertreterin eines jungen, besseren Frankreich versteht, bleibt wirkungslos. Die Generäle beantworten das Friedensangebot mit Bombenraids und machen alle Hoffnung auf Versöhnung zunichte. General de Sonloup, von Abd-el-Kader aus Grossmut freigelassen, erschiesst den Rebell mit den Worten: »So tötet Frankreich!«
Die Uraufführung des Stücks am 14. Oktober 1935 im Berner Stadttheater wurde, nicht so sehr des Dramas als der politischen Situation wegen, zu einem sensationellen Erfolg. Eine Woche vorher waren nämlich die Armeen Mussolinis ohne Kriegserklärung in Abessinien eingefallen, und nur drei Tage zuvor hatte der Völkerbund - letztlich wirkungslose - Sanktionen gegen Italien beschlossen. So hörte jedermann »Italien«, wenn auf der Bühne »Frankreich« gesagt wurde, und jene Szene in der Mitte des Stücks, wo Renée zu einer Verurteilung des Kolonialkriegs ausholt, wurde mit nicht enden wollendem, tosendem Beifall bedacht. »Glück hat der Dramatiker Knittel«, musste Hugo Marti im Bund, wo die Romanvorlage arg zerzaust worden war, nun gestehen. »Schreibt ein Stück und lässt es durch die Wirklichkeit bestätigen. Aktueller war kein Drama als dieses ...« Sogar Zollingers linke Zeit sah in dem Stück des rechten Bestseller-Autors »eine Anklage gegen europäische Kolonialgrausamkeiten« und erkannte ihm eine Aktualität zu, »die die Zuschauer förmlich von den Sitzen aufschnellen liess«. Noch ein Jahr später löste ein Gastspiel des Zürcher Schauspielhauses im Basler Stadttheater mit dem gleichen Stück und in der Glanzbesetzung Langhoff/ Kalser/Horwitz/Ginsberg/Parker »eine«, so die Nationalzeitung, »spontane und anhaltende Kundgebung des Publikums« aus.
Protektorat ist gewiss nicht das berühmteste Werk des 1970 mit 79 Jahren in Maienfeld verstorbenen John Knittel geblieben. Aber im Unterschied zu den meisten der dickleibigen und vielfach eher fragwürdigen Romane, die bisweilen deutlich jene faschistische Gesinnung zum Ausdruck bringen, mit welcher der im Dritten Reich bis zuletzt hochgeschätzte Autor ab 1937 unübersehbar liebäugelte, muss diesem Drama, dem einen Moment lang höchste politische Brisanz zukam, ein echtes humanes Engagement bescheinigt werden.
(Literaturszene Schweiz)

Knittel, John

Eigtl. Hermann Knittel, *Dharwar (Indien) 24.3.1891, †Maienfeld (GR) 26.4.1970, Schriftsteller. Der Sohn eines Basler Missionars lebte nach der Heimkehr aus Indien seit 1896 mit seinen Eltern in Basel, wo er die Schulen und eine kaufmänn. Lehre absolvierte. 1910 übersiedelte er nach London, arbeitete u.a. als Bankangestellter und Filmproduzent und wurde 1922 schliessl. Teilhaber eines Theaters. Mit urspr. engl. geschriebenen, bald auch auf dt. erfolgreichen Romanen wie »The travels of Aaron West« (1919, dt. 1921 als »Die Reise des Aaron West«) oder »A traveller in the night« (1924, dt. 1926 als »Der Weg durch die Nacht«) machte sich K. bis Mitte der 20er Jahre einen Namen als phantasievoller, effektsicherer Erzähler. Seine grössten Erfolge feierte K., der abwechselnd in London, am Genfersee und in Ägypten lebte, mit dem in N-Afrika spielenden Antikolonialismusroman »Abd-el-Kader« (1931, u.d.T. »Protektorat« 1935 auch als Bühnenstück erschienen), dem drast., an tourist. vorteilhafter Lage angesiedelten, um das Thema Vatermord kreisenden Schweizer Künstler-und Liebesroman »Via Mala« (1934) sowie mit »El Hakim« (1936), der abenteuerl. Lebensgeschichte eines ägypt. Arztes und Volkstribunen. Obwohl in vielen seiner Werke ein leidenschaftl. Engagement gegen Unrecht und für soziale Gerechtigkeit spürbar ist, sind in der Verherrlichung des männl. Abenteurers und des »Vivere pericolosamente« auch Elemente zu konstatieren, die gefährl. nahe an die zeitgenöss. faschist. Ideologien herankommen. Nach 1945 wurde K., der auch im nat.-soz. Deutschland zu den meistgelesenen Autoren der Epoche gehört und zu nat.-soz. Organisationen Kontakt gepflegt hatte, denn auch verschiedentlich als Mitläufer angegriffen. - Ausgaben: Gesammelte Werke in Einzelausgaben (1985 ff.). … Lit.: Carisch, R.: Der Romancier J.K., Diss., Freiburg i.Ü. 1972; Höhn-Gloor, E.: J.K.: ein Erfolgsautor und sein Werk im Brennpunkt von Fakten und Fiktionen, Diss., Zürich 1984. (Schweizer Lexikon)



Knittel, John

Eigentl.: Hermann Emanuel, * 24. 3. 1891 Dharwar/Indien, † 26. 4. 1970 Maienfeld/Kt. Graubünden. - Romanautor.

Der Sohn eines Basler Missionars verbrachte seine früheste Kindheit in Indien. Mit fünf Jahren kam er nach Basel, wo er die Volksschule, das Gymnasium bzw. eine Handelsschule besuchte, ehe er schließlich eine kaufmänn. Lehre begann. 1910 folgte er einer Geliebten nach England u. brachte sich in London in verschiedenen Metiers durch (bei Banken, in der Filmindustrie, als Bootsverleiher), bis er 1922, inzwischen mit der Engländerin Frances White verheiratet, Teilhaber eines Theaters wurde. 1919 hatte er in London seinen ersten Roman publiziert: The Travels of Aaron West (dt. Basel 1921: Die Reisen des Aaron West), die Story vom Aussteiger, der auf einer Südseeinsel auf ein reines, natürl. Mädchen stößt, das ihm die ganze Zivilisation als Weg in die Irre erscheinen läßt. 1924 kam der Liebesroman A Traveller in the Night (dt. Zürich 1926: Der Weg durch die Nacht) heraus, u. dann folgte, fast immer zuerst auf Englisch, Titel um Titel: leicht lesbare, spannend geschriebene Romane, die Menschen in Extremsituationen vorführen u. ein Weltbild propagieren, das Abenteuerlichkeit mit dem Engagement für mehr Gerechtigkeit verknüpft, ohne die geltenden Hierarchien wirklich in Frage zu stellen. Bestsellererfolge ermöglichten K. bald die seiner Romanwelt adäquate internationale Lebensweise. Ständig auf Reisen, hatte er seine regelmäßigen Stützpunkte in London, im ägypt. Aïn Shems, in Portugal, am Genfer See u. in Maienfeld, wo ihn am Ende der Zweite Weltkrieg u. die Beschwerden des Alters festhielten.
Die Beschäftigung mit Ägypten u. Nordafrika hat K. am erfolgreichsten umgesetzt in dem Roman Abd-el-Kader (Bln. 1931), einer u. d. T. Protektorat (Zürich 1935) auch als Drama berühmt gewordenen, leidenschaftlich-sentimentalen Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus, sowie in dem Roman El Hakim (Bln. 1936), der Geschichte eines ägypt. Arztes, der sein Volk aus jahrhundertelanger Lethargie zu nationalem Selbstbewußtsein aufrütteln will. K. schuf aber auch Werke spezifisch schweizerischer Prägung, die allerdings ihrer krit. Beiklänge wegen den Unwillen seiner Landsleute erregten. Im Roman Therese Etienne (Zürich 1927) geht es um die mit Vater- bzw. Gattenmord endende Liebe eines jungen Bergbauern zur wesentlich jüngeren zweiten Frau seines Vaters u. um die Frage nach der Effizienz strafender Gerechtigkeit. Auch Via Mala (Bln. 1934. Zuletzt Stgt. 1985) stellt in aller Drastik u. Ausführlichkeit die Geschichte eines Vatermords dar. Er bleibt unbestraft, weil der Richter, hin- u. hergerissen zwischen Pflicht u. Liebe, den Mantel des Schweigens über das entsetzl. Geschehen breitet. Der Roman Amadeus (Bln. 1939) setzt Therese Etienne in einer nächsten Generation fort: Amadeus, Frucht des sündigen Verhältnisses, ist Ingenieur geworden u. verficht K.s Lieblingsidee eines geeinten, aus Afrika u. Europa bestehenden »Atlantropas«. Dieser Pläne wegen verzichtet er auf seine geliebte Pauline u. treibt sie so in die Arme des Beamten Elfenau, einer grotesken Verkörperung helvet. Spießertums. Als sie Amadeus wieder begegnet, triumphieren zuletzt Idealismus u. selbstlose Liebe über Opportunismus u. Konvention.
K., der - v. a. auch im angelsächs. Bereich - zu den meistgelesenen Unterhaltungsautoren seiner Generation gehörte, war in seinen gut gemachten, oft auch reißerischen Romanen weder gegen den Kitsch gefeit noch jederzeit fähig u. willens, gefährl. zeitbedingte Tendenzen wie das »Vivere pericolosamente« oder den Blut- u. Bodenkult zu vermeiden. Vor allem in den Büchern mit exotischen Schauplätzen wird allerdings auch immer wieder ein gewisses aufklärerisches, auf Toleranz u. Völkerversöhnung ausgerichtetes Moment bedeutsam. - Seit 1985 gibt der Engelhorn Verlag (Stgt.) K.s Werke in Einzelausgaben heraus.

LITERATUR: Elisabeth Knöll: J. K. Diss. Wien 1950. - Carl Jakob Burckhardt: Zu J. K.s 70. Geburtstag. Zürich 1961. - Reto Carisch: Der Romancier J. K. Diss. Freib./Üchtland 1972.
(Bertelsmann Literaturlexikon)