«In ihren Verzichten – und diese waren bei ihr stets die Voraussetzung – lag ihr still geheimnisvolles Anrecht auf jene Männer, die sie durchschaut hatten.» An der Reede von Cherbourg nimmt Mariclée Abschied von ihrem Traumgeliebten, den sie, von Krankheit gezeichnet und auf der Fahrt nach Amerika,  noch ein letztes Mal für einige Stunden gesehen hat. Und ihr Verzicht, der einem Sieg gleichkommt, gehört in der Dichte der erzählerischen Evokation zu den schönsten Szenen der Weltliteratur und macht aus dem Roman «Das Exemplar» ein grosses Buch. Es ist, als wolle sie mit ihrem ganzen erzäh-lerischen Werk –  zu «Das Exemplar» von 1913 müssten  «Daphne Herbst», die Hommage an eine jung gestorbene Schwester von 1928, und die autobiographische Münchner Chronik «Die Schaukel» von 1934 gezählt werden – von der sensiblen, weltoffenen, kulturell höchst inspirierten Epoche Abschied nehmen, die mit dem 1.Weltkrieg zuende ging.
Am 2. Februar 1870 in München als Tochter einer Pariser Pianistin und des Königlich Bayerischen Gartenarchitekten geboren, wuchs Annette Kolb in der bereits dem Untergang geweihten Münchner Hofgesellschaft auf und war doch mit Herz und Verstand Französin und Deutsche zugleich. Als die Hochgebildete, auch selbst als Pianistin Tätige am 11.Januar 1915 in Dresden zur Beendigung des Kriegs aufrief, stellte Bayern sie unter Hausarest und konnte sie nur dank Walther Rathenau in die Schweiz ins Exil reisen. An der Seite René Schickeles führte sie da und später  im Elsass ihren Kampf für die deutsch-französische Verständigung hartnäckig weiter. 1933 floh sie über Zürich nach Paris und war französische Staatsbürgerin, als sie 1940 jene Flucht in die USA antrat, die sie 1960 in ihrem Bericht «Memento» eindrücklich schilderte. Als sie am 3. Dezember 1967 97jährig in München starb, trug sie die Légion d’honneur und den Orden Pour le mérite und war viel von dem in Erfüllung gegangen, wofür sie lebenslang gekämpft hatte.