Josef Vital Kopp
»Schon dass einer Bücher schreibe, sei ein Alibi. Erdhafte Naturen hätten das nicht nötig ... Weil Dichter keine Welt besässen, müssten sie sich eine schaffen.« So steht es im Roman Die Launen des Pegasus von 1958 zu lesen, und dass sein Verfasser, der Luzerner Josef Vital Kopp, dies wörtlich gemeint hat, bestätigt ein Satz, den er am 8. 12. 1958 seinem späteren Biograph Karl Fehr schrieb: »Ein naturhafter, gesunder, sinnenhaft-vitaler Mensch schreibt keine Romane. Er lebt sie.« All das erinnert verdächtig an Heinrich Federers »Was ich umsonst ersehnte, das wollte ich wenigstens in der Phantasie haben«, und tatsächlich gibt es zwischen den zwei katholischen Erzählern eine ganze Menge Parallelen. Beide sind von der Mutter zum Priestertum gedrängt worden, ergriffen dann aber, obwohl geistlichen Standes, Berufe ausserhalb des klerikalen Machtbereichs: Federer als Journalist, Kopp als Mittelschullehrer. Und beide fanden schliesslich, während ihnen das Priestertum immer deutlicher auch zur Belastung wurde, in der Schriftstellerei ihre eigentliche Berufung.
1958 war Kopp, das haben die Zitate angedeutet, als Autor in die Krise geraten. Alles, was er bis dahl geschrieben hatte - Sokrates träumt (1946), Brutus (1950) und Die schöne Damaris (1954) -, war in antikes Gewand gehüllt, obwohl er damit seiner eigenen Zeit zu Leibe rücken und dem Chaos, das er heraufziehen sah, humanistische Bildung, christliche Ethik und eine oligarchische Form von Demokratie als Bollwerk gegenüberstellen wollte. Die Launen des Pegasus verliessen nun zwar den antiken Schauplatz, neue Inhalte aber kündigten sie nicht an.
Erst 1961, mit Der sechste Tag, schrieb Kopp dann ein wirklich zeitgenössisches, »modernes« Werk. Wie nirgends sonst erzählt er in diesem Roman frisch und ungekünstelt, setzt seine Kindheit in Beromünster aber dennoch so eindrucksvoll in Bezug zum Erwachsensein und zum Tod, dass aus der persönlichen Erfahrung etwas zeitlos Gültiges entsteht. Man spürt die Wandlung, die Kopp kurz zuvor durchmachte, als der Ausbruch einer unheilbaren Krankheit ihn ganz auf sich selbst zurückwarf. Auch erschütterte damals die Begegnung mit Teilhard de Chardin sein konservatives Weltbild schwer und machte ihn unversehens zum Befürworter der kirchlichen Erneuerung im Sinne des Zweiten Vaticanums. So erstaunt es nicht, dass der Priesterroman Die Tochter Sions (1966) mit der Amtskirche hart ins Gericht geht und einem unorthodoxen Katholizismus das Wort redet. Kopps eigentliches Vermächtnis aber ist der erst posthum erschienene Roman Der Forstmeister: In einer immensen Verwaltungsbürokratie - es geht um Bäume, nicht um Seelen! - wird ein zunächst unbeirrt, ja fanatisch pflichtgetreuer Funktionär am starren überlieferten System allmählich irre, leitet schmerzliche, aber notwendige Reformen ein und findet, während das Beispiel Schule macht, in Erfüllung seiner Pflichten den Tod. Zu den bewegendsten Geheimnissen des Romans gehört dasjenige der Briefeschreiberin »a«. Sie stellt der Diktatur der Theorie die Anarchie der Liebe entgegen und trägt wesentlich zur inneren Wandlung des Forstmeisters bei. Wen man weiss, dass sich hinter dieser Figur die Wald-Künstlerin Annemarie von Matt (1905-1967) verbirgt, mit welcher Kopp lange Zeit eine heimliche Liebe verband, so macht einem das Buch auf schamhaft-diskrete Weise klar, dass sein Leiden am Priestertum keineswegs bloss theologisch, sondern durchaus auch menschlich-existentiell begründet war.
(Literaturszene Schweiz)
Kopp, Josef Vital
*Beromünster (LU) 1.11.1906, Luzern 22.9.1966, kath. Theologe und Schriftsteller. Nach Jugend und Schulzeit in Beromünster studierte K. in Innsbruck und Solothurn Theologie (Dr. theol. 1929) und empfing 1931 die Priesterweihe. Danach war er Jugendseelsorger in Luzern und studierte 1935-38 in Freiburg i.Br., Berlin und Heidelberg klass. Philologie (Dr. phil. 1939). Bis 1945 war er Mittelschullehrer in Willisau, dann wechselte er an die KS Luzern über, wo er bis 1962 Latein und Griechisch unterrichtete. Die Werke seiner frühen und mittleren Schaffenszeit sind deutl. von seinem Umgang mit antiker Geschichte und Kultur geprägt. So sind »Sokrates träumt« (1947) und »Brutus« (1950) romanhafte Auseinandersetzungen mit den entsprechenden Gestalten, während »Die schöne Damaris« (1954) eine Liebesgeschichte in antikem Gewand darstellt. Der Künstlerroman »Die Launen des Pegasus« (1958) behandelt dann erstmals ein aktuelles, gegenwärtiges Thema, während der autobiograph. Roman »Der sechste Tag« (1961) die Kindheit in Beromünster darstellt. Die beiden letzten Romane des mit Leukämie ringenden Dichters gelten der kath. Kirche, zu der er, nicht zuletzt durch die Begegnung mit dem Werk Teilhard de Chardins, in ein neues, krit. Verhältnis getreten war. »Die Tochter Zions« (1966) ist ein eigtl. Priesterroman und stellt die frustrierenden Erfahrungen eines unbotmässigen Klerikers mit der doktrinären Amtskirche dar, während der postum erschienene Roman »Der Forstmeister« (1967) den Konflikt zw. Erneuerungsglauben und Tradition in die Parabel vom pflichttreuen Forstbeamten einbringt, der am überlieferten Verwaltungssystem irre wird und Reformen einleitet, um dann den Tod zu finden, ehe die Auswirkungen seiner Pioniertat allg. sichtbar werden.
Lit.: Fehr, K.: J.V.K. Ein Dichter- und Priesterleben im Bannkreis moderner Welt- und Gottesschau, Luzern 1968 (mit Bibliographie). (Schweizer Lexikon)
Kopp, Josef Vital
* 1. 11. 1906 Beromünster, 22. 9. 1966 Luzern. - Romanautor, Essayist, Theologe.
Der Sohn des Gemeindeammanns von Beromünster verbrachte Kindheit u. Schulzeit, wie er in dem autobiograph. Roman Der sechste Tag (Einsiedeln 1961) anschaulich darstellt, in der fast noch mittelalterlich anmutenden Atmosphäre dieses Landstädtchens. Nach theolog. Studien in Innsbruck u. Solothurn wurde er 1931 zum kath. Priester geweiht, war jedoch nur kurze Zeit in Luzern als sozial engagierter Jugendseelsorger tätig, ehe er ab 1935 ein Zweitstudium in klass. Philologie aufnahm, das er nach Studien in Freiburg i. Br., Berlin u. Heidelberg 1939 mit einer Dissertation über frühgriech. Lyrik abschloß. Bereits seit 1938 war er Lehrer am Gymnasium von Willisau, wo er bis 1945, als er für weitere 17 Jahre in gleicher Funktion an die Kantonsschule Luzern wechselte, Religion u. klass. Sprachen unterrichtete. K.s literar. Werke bis 1958 sind vom humanistischen Bildungserlebnis geprägt u. tendieren dazu, antike Gestalten u. deren Verhaltensweise als für die Gegenwart modellhaft darzustellen: so der Platon verpflichtete Roman Sokrates träumt (Einsiedeln 1946), der Roman Brutus (ebd. 1950) u. der antike Liebesroman Die schöne Damaris (ebd. 1954). Erst im Roman Die Launen des Pegasus (ebd. 1958), einer Auseinandersetzung mit dem Problem des künstlerischen Schaffens, wandte sich K. in Thematik u. Schauplatz der unmittelbaren Gegenwart zu. Zur vollen Höhe seines literar. Könnens fand er dann aber erst in Der sechste Tag, einer Romanbiographie, die das Erlebnis der Kindheit auf erschütternde Weise dem Wissen um den Tod gegenüberstellt. Seit 1959 befaßte sich K. intensiv mit Leben u. Werk des kirchl. Dissidenten Teilhard de Chardin, was deutlich auf seine letzten Romane abfärbte, die das Priestertum zum Thema haben. Die Tochter Sions (Luzern 1966. Lpz. 1969) stellt die Erfahrungen eines unbotmäßigen Klerikers dar, während der erst postum erschienene Roman Der Forstmeister (Luzern 1967) den Sieg eines Reformers über die Verkrustungen eines Funktionärssystems darstellt, das unverkennbar Ähnlichkeit mit der kath. Hierarchie aufweist. Dieser Roman wirkt außerordentlich hermetisch u. komplex u. wurde von der Kritik wohl darum bis heute noch nicht in seiner wahren Bedeutung anerkannt.
LITERATUR: Karl Fehr: J. V. K. Ein Dichter- u. Priesterleben im Bannkreis moderner Welt- u. Gottesschau. Luzern 1968 (mit Bibliogr.).
[Autoren- und Werklexikon: Kopp, Josef Vital, S. 2. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 11376 (vgl. Killy Bd. 6, S. 495)]
(Bertelsmann Literaturlexikon)