«Grosstadtqualm statt Maiendüfte/– Frühling über Gross-Berlin! – Süsse, wohlbekannte Düfte/Stammen höchstens von Benzin.» Im Sommer 1930 tauchten in diversen Berliner Zeitungen Gedichte einer gewissen Mascha Kaléko auf, die das Lebensgefühl der Grossstadt in kessen Bildern ebenso ironisch wie melancholisch in Sprache zu bannen verstand. «Aaber... Sie sind doch noch so schrecklich jung. Sind Sie es wirklich», meinte Monty Jacobs, Chef der «Vossischen» , als er sich die Autorin vorknöpfte. Und jung war sie tatsächlich auch dann noch, wenn man nicht das von ihr verbreitete, sondern ihr wirkliches, fünf Jahre älteres Geburtsdatum in Betracht zog. Am 7.Juni 1907 in Chrzanów in West-Galizien geboren, war sie 1918 mit den Eltern als Russin nach Berlin gekommen, hatte eine jüdische Schule besucht, eine Bürolehre gemacht und 1928 den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko geheiratet. 1933 gab Rowohlt ihre Verse im «Lyrischen Stenogrammheft» gesammelt heraus, aber im selben Jahr begann die Entwicklung, die die Ur-Berliner Poetin 1938 nach langem Widerstreben als Autorin «schädlichen und unerwünschten Schrifttums» ins Exil nach Amerika trieb: mit dem 2jährigen Sohn Evjatar und dem zweiten Mann, dem Musiker Chemjo Vinaver.
«Gewiss, ich bin sehr happy /Doch glücklich bin ich nicht», lautete die Quintessenz der entbehrungsreichen Jahre im fremden Sprachgebiet, und doch hat sie auch dem Exil, das sie 1959 in Jerusalem fortsetzte, gültigen lyrischen Ausdruck gegeben. Sie war, obwohl sie das Geschehene nur schwer vergessen konnte, auch in Deutschland wieder zu Ansehen gelangt, als sie am 21. Januar 1975 auf der Durchreise in Zürich starb. Dass ihr Werk sie überlebte, ist Gisela Zoch-Wesphal zu danken, die unermüdlich dafür eintritt. Auch wenn das eigentliche Geheimnis dieser Autorin letztlich nicht zu enträtseln ist, die gesagt hat: «Mein schönstes Gedicht?/Ich schrieb es nicht./Aus tiefsten Tiefen stieg es./ Ich schwieg es.»