«Es ist Oktober und ich lebe noch. Die Liebe kam noch einmal, aber vielleicht geht sie schon wieder vorbei. Ich bin dabei nicht glücklich geworden. Ich glaube kaum, dass ich glücklich gemacht habe. Es ist mir gleich. Ich nehme nichts mehr wichtig.» Die Zeilen sind am 25.Oktober 1951 in Wien entstanden. Geschrieben hat sie Hertha Kräftner, Doktorandin in Germanistik, Spezialistin für Kafka, Kierkegaard und Sartre, Schülerin des Logotherapeuten Viktor E. Frankl, dessen These, dass ein nicht erfülltes Sinnerleben zu psychischen Krankheiten führe, sie guthiess.
Der Tod des Vaters beim Einmarsch der Russen ins Burgenland war für die 17jährige traumatisch gewesen, und als sie ab1948 in Zeitschriften wie «Lynkeus» und «Neue Wege»  Gedichte und Prosa  publizierte, handelte in einem erstaunlich breiten Spektrum von formalen Möglichkeiten fast alles vom Tod, von der Angst, von der Verzweiflung, von der Ausweglosigkeit des Lebens und von der Unmöglichkeit der Liebe: «Das Gesicht meines toten Vaters/das meinem ähnlich sieht,/wandelt in den Friedhofbäumen hin und her.» – «Ach der Tod wird nach Pfeffer/ und Majoran riechen, /weil er vorher im Laden beim Krämer sass, /der am silbrigen Schwanz/ eines Salzherings erstickte.»
Wie schon so oft wurde sie im Sommer 1951 ihrem guten «Anatol», dem Wiener Bibliothekar Otto Hiss, schuldbewusst untreu, als sie sich in den Fotografen Wolfgang Kudmofsky verliebte, mit ihm Moped fuhr, die Werke Kafkas neu las und  sogar einen Krimi begann. Aber die Euphorie hielt nicht an. «Er war nicht imstande, mir das Leben zu erklären. Wozu führe ich es dann weiter, da ich es doch nicht verstehe», endet der zitierte Text, und am 13.November 1951 nahm sich Hertha Kräftner 23jährig mit einer Überdosis Veronal das Leben. – Unter dem Titel «Weil immer das Meer vor der Liebe ist» hat Jürg Amann ihr schmales Werk 2003 zu einem 18-strophigen lyrischen Selbstporträt verdichtet.