Gertrud Leutenegger

»Lass alles liegen und komm. Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, um das selbst zu sehen, was schon unsere Kindheit als gewaltiger Schatten ins Zwielicht zog, so tragen wir ein Stück Blindheit in die nächste Zeit.« So schreibt, die blauen Seen des Engadins vor Augen, eine junge Frau ihrem Jugendgeliebten ins aufgewühlte, protestbewegte Berlin der frühen siebziger Jahre. Und Fabrizio kommt tatsächlich und verbringt mit seiner Freundin zusammen eine Nacht vor dem gewaltigen Symbol eines mumifizierten Walfisches, der nach einer Ausstellungstour durch ganz Europa am Bahnhof von Schwyz seiner endgültigen Vernichtung harrt. Die beiden denken über ihre gemeinsame Kindheit nach, über ihre gefährdete Liebe und über all die Hoffnungen und Utopien ihrer Generation. Obwohl das Ziel noch nicht sichtbar ist - eines wollen sie auf jeden Fall: »Anfangen zu leben! Als stünden wir am Vorabend einer sich verwandelnden Zeit.«
Man schrieb das Jahr 1977, als Ninive erschien, jener geheimnisvolle, bildgesättigte Roman, mit dem Gertrud Leutenegger souverän den Beweis erbrachte, dass ihr gefeierter Erstling Vorabend 1975 weit mehr als bloss ein einmaliger Zufallstreffer gewesen war. Und zählt man ihre seither erschienenen Bücher hinzu - die Prosabände Gouverneur, Komm ins Schiff, Kontinent und die mit Ninive wieder so vielfach korrespondierende Meduse; das dramatische Poem Lebe wohl, gute Reise, den Gedichtband Wie in Salomons Garten sowie die Textsammlung Das verlorene Monument -, so steht man vor dem geschlossenen Ganzen einer dichterischen Welt, die unverwechselbar eigenständige Züge besitzt: eine fast traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit der Sprache, eine wundervoll lebendige Intensität des Fühlens und Denkens sowie eine auf dem freien Spiel der Assoziationen beruhende schöpferisch-eigenwillige Bildhaftigkeit, in welcher Innen und Aussen, Wirklichkeit und Phantasie, Vergangenheit und Gegenwart wie selbstverständlich miteinander verschmelzen.
Jene neue Zeit aber, an deren Vorabend die Ninive-Protagonisten hoffnungsvoll zu stehen glaubten, hat sich eher zum Schlimmeren als zum Besseren gewendet. Eine Erfahrung, von welcher Gertrud Leuteneggers neuere Bücher, obwohl auch in ihnen das Politische noch immer in Poesie umschlägt, schmerzlich geprägt sind. Schreibt sie sich aber, wie gewisse Kritiker vermuten, tatsächlich von Buch zu Buch immer weiter in ihre Einsamkeit und Fremdheit hinein? Ich meine, nicht sie und ihre Art, die Welt in Bilder zu bannen, sind anders geworden, sondern wir, die Leser. Verführt durch eine auf Spannung und Sensation ausgehende Buchproduktion, finden wir in der Hektik der heutigen Zeit immer weniger die Kraft, uns auf eine Dichtung wie diejenige Gertrud Leuteneggers einzulassen. Dazu müssten wir nämlich Ruhe, Konzentration und die Bereitschaft mitbringen, uns abseits der ausgetretenen Pfade einem anderen, freieren Denken und einem neuen, ungewohnten Anblick der Wirklichkeit auszusetzen.

Ninive ist als Suhrkamp-Taschenbuch 685 greifbar. (Literaturszene Schweiz)