Bis 1970 arbeitete der am 5.Juli 1924 bei Pernambuco im Nordosten Brasiliens geborene Osman Lins als studierter Ökonom in Recife beim Banco do Brasil und führte mit Gattin Dona Maria do Carmo und den Töchtern Livania, Leticia und Angela ein gut bürgerliches Leben. Dann aber kam er zur Einsicht, «der Menschheit seine Schuld bezahlt zu haben», ging auf Bildungsreise nach Europa, machte den Doktor in Literaturwissenschaft und widmete sich ganz dem literarischen Schaffen, das er 1955 mit dem Roman «O Visitante» begonnen und mit vier weiteren Büchern fortgesetzt hatte.
Acht Jahre blieben bis zum Tod des 54jährigen am 8.Juli 1978, Jahre, die Lins nutzte, um die avantgardistische Schreibweise, die 1966 in «Nove Novena» einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, zur Perfektion zu steigern. War dort bereits das Unterbewusstsein von Figuren, die nur durch geometrische Zeichen gekennzeichnet sind, in einer surrealen Welt, in der es durchsichtige Vögel und sprechende Tote gibt, zur eigentlichen Erzählebene geworden, so steht im Zentrum des 1973 publizierten Romans «Avalovara» ein magisches Quadrat, das die Themen und Geschehnisse mit Zahlen und Buchstaben bestimmt. Geleitet von diesen Kombinationen, die ihn immer weiter zum gemeinsamen Mittelpunkt von Spirale und Planquadrat führen, ist Abel auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, das er in der Vereinigung mit einer durch ein Symbol bezeichneten namenlosen Frau finden will, bis die beiden von einem Nebenbuhler erschossen werden. Nicht ganz so abstrakt ist der 1976 publizierte Roman «Die Königin der Kerker Griechenlands», der die mittellose Maria auf kafkaeske Weise an einer unmenschlichen Bürokratie verzweifeln und wahnsinnig werden lässt. Die Geschichte der vom System zermalmten Frau ist für den Icherzähler, einen Gymnasiallehrer, aber nur der Anlass, um darüber zu räsonieren, wie die vielschichtig-heterogene Wirklichkeit glaubwürdig in Sprache umgesetzt werden könne.