Für andere Menschen habe ich nur Bücher, kein »Privatleben. Erfahrung lehrt, dass ein vielgestaltetes Dasein von Aussenstehenden nur in kleinen, einzelnen Teilen erfasst werden kann und darum falschen Deutungen ausgesetzt ist.«
Wer Leser und Interpreten so resolut auf sein Werk und dessen Eigengesetzlichkeit verweist, muss seiner Sache sicher sein. Und tatsächlich konnte die Luzerner Dichterin Cécile Lauber am Ende ihres langen Lebens ein imposantes literarisches uvre vorzeigen, das sie schon 1970/72 in einer sechsbändigen Ausgabe letzter Hand der Nachwelt übergeben hatte: Romane, Erzählungen, Dramen, Aphorismen sowie die monumentale, der geistigen Landesverteidigung verpflichtete Jugendroman-Serie Land einer Mutter.
Cécile Lauber ist nicht, wie so viele in diesem Jahrhundert, durch selbsterlittene existentielle Not zum Schreiben gedrängt worden. Aus begüterten Kreisen stammend, hatte sie ihren Kunstsinn bei berühmten Lehrern in Musik und Malerei geschult, ehe sie sich nach standesgemässer Heirat und als Mutter zweier Kinder mit ganzer Leidenschaft der Dichtung zuwandte. So erstaunt es nicht, dass ihr Schaffen stets abseits der literarischen Avantgarde stand und einer klassisch-romantischen Asthetik verpflichtet war. Was sie schrieb, hat auch im dunkelsten Bereich noch immer etwas mit Schönheit zu tun, ihre Sprache wirkt kultiviert, gehoben, gelegentlich etwas pedantisch. Überraschend ist dann allerdings die rigorose ethisch-moralische Zielsetzung, die sie von Anfang an mit ihrem Schreiben verknüpfte und die z. B. im Motto des Romans Die Wandlung von 1930 fassbar wird: »Solange der Schrei des Viehes, das zur Schlachtbank getrieben wird, ungehört verhallt, so lange werden unsere Kinder zu weinen fortfahren, wird unserer Not kein Ende sein und die Ewigkeit uns ausstossen.«
Cécile Lauber hätte bloss akademische Tierschutzdichtung produziert, wäre zum klassischen Formwillen und zum sittlichen Eifer nicht jene Fähigkeit hinzugekommen, die sie selbst »befruchtendes Entzücken« nannte: die Gabe, eine einfache Geschichte unter Zuhilfenahme von Traum und Vision zum Mythos zu verdichten und diesen dann in Bildern von starker Leuchtkraft und in eindringlicher, rhapsodischer Sprache lebendig werden zu lassen. Am schönsten ist ihr dies im Roman Stumme Natur von 1939 gelungen. Die Natur lässt es da geschehen, dass ein Bauer, seine Frau, ihr buckliges Kind, eine verunstaltete Magd und ein stummer Knecht sich auf einer einsamen Insel niederlassen. Die gleiche Natur aber entwickelt nie erlebte Kräfte, als Industrie und Tourismus das Eiland erobern. In einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmass stellt sie selbst ihren Urzustand wieder her und verschont dabei - sinniges Bild tief gefühlter Menschlichkeit - einzig die hässliche Magd und den stummen Knecht.
Stumme Natur ist in Band 2 von Cécile Laubers Werken (1970/72 in 6 Bänden bei Benteli, Bern, erschienen) und in der Ex Libris-Edition »Frühling der Gegenwart« mit einem Nachwort von Rätus Luck greifbar. (Literaturszene Schweiz)
Lauber, Cécile
*Luzern 13.7.1887, ebd. 16.4.1981, Schriftstellerin. Die Tochter des Gotthardbahndirektors H. Dietler studierte an der Luzerner Kunstgewerbeschule und am Konservatorium von Lausanne, ehe sie während eines Englandaufenthalts 1908 ihr erstes Theaterstück schrieb und 1911 mit »Die Kindsmörderin« als Erzählerin debütierte. 1913 heiratete sie den Juristen W. Lauber, mit dem sie als Mutter zweier Kinder ab 1918 wieder in Luzern lebte. Dort entstanden seit 1920 ihre grossen Romane, die sich insgesamt durch ihren klass. Formwillen und durch eine bes. Affinität und verantwortungsbewusste Hinwendung zur Natur und allem Kreatürlichen auszeichnen: »Die Erzählung vom Leben und Tod des Robert Duggwyler« (1922), »Die Versündigung an den Kindern« (1924) und die Trilogie »Die Wandlung« (1929)/»Stumme Natur« (1939)/»In der Gewalt der Dinge« (1961). Der zweite Teil der Trilogie, der durch ein persönl. Erlebnis angeregt war, zeigt L. auf dem Höhepunkt ihrer Meisterschaft. Es ist eine Art moderne, auf eine Mittelmeerinsel verlegte Robinsonade, die jedoch, weil der Mensch sich an der unberührten, stummen Natur vergreift, in eine apokalypt. Katastrophe mündet, der einzig ein stummer Knecht und eine einfältige Magd lebend entkommen. Der Text, der Postulate und Einsichten der 80er Jahre prophet.-visionär vorwegnimmt, ist in einer dichten, stellenweise geradezu rhapsod.-hymn. Sprache geschrieben, die auch die spezif. lyr. Veranlagung der Autorin spüren lässt (»Gedichte«, 1937). Mit der vierbändigen Serie »Land deiner Mutter« legte L. zw. 1947 und 1957 auch einen vielbeachteten Jugendroman vor, der von der zeitgenöss. Kritik als schweiz. »Nils Holgersson« bezeichnet wurde. Ihr Werk, zu dem auch Aphorismen, Theaterstücke und Essays gehören, wurde von ihr selbst 1970-72 noch in einer Sammelausgabe neu herausgegeben (6 Bde.).
Lit.: Luck, R.: C.L., Nachwort zu »Stumme Natur«, nhg. von C. Linsmayer, Zürich 1982/Frankfurt a.M. 1990 (Suhrkamps »Weisses Programm Schweiz«).
(Schweizer Lexikon)
Lauber, Cécile
* 13. 7. 1887 Luzern, 16. 4. 1981 Luzern. - Erzählerin, Lyrikerin, Dramatikerin,
Essayistin.
Die Tochter eines Eisenbahndirektors wuchs in Luzern in begüterten Verhältnissen auf u. wurde an der Kunstgewerbeschule ihrer Geburtsstadt bzw. am Konservatorium von Lausanne zur Malerin u. Musikerin ausgebildet. 1908, während eines Englandaufenthalts, schrieb sie ihr erstes Theaterstück "Der Inquisitor" (un-veröffentl.), 1911 publizierte Josef Victor Widmann im Berner »Bund« ihre ersten Erzählungen "DieWeggisfrau" u. "Die Kindsmörderin". Zu eigentlicher schriftstellerischer Produktivität fand sie jedoch erst in den 20er Jahren, als sie nach einem längeren Aufenthalt in Lausanne mit ihrem Mann, dem JuristenWerner Lauber, u. ihren zwei Kindern wieder in Luzern lebte. 1922 erschien bei Grethlein ihr ersterRoman, Die Erzählung vom Leben und Tod des Robert Duggwyler (Lpz./Zürich): der romantisch gefärbte Bericht vom Aufstieg u. Niedergang eines Künstlers. Über die Zwischenstufen des humanitär engagierten Romans "Die Versündigung an den Kindern"(ebd. 1924) u. der beiden in Basel 1925 bzw. in Luzern 1928 uraufgeführten Theaterstücke "Die verlorene Magd" u. "In der Stunde, die Gott uns gibt" fand sie allmählich zu jener Thematik, die ihre breit angelegte Romantrilogie "Die Wandlung" (Lpz. 1929. Zürich 1950. Bern 1971). "Stumme Natur" (Bln. 1939. Zürich/Köln 1956. Bern 1971. Zürich 1982. Ffm.1990) u. "In der Gewalt der Dinge" (Frauenfeld 1961. Bern 1971) prägte: das unlösbare Verhaftetsein des Menschen in seiner Umwelt u. seine existentielle, schicksalhafte Verbundenheit mit aller Kreatur, der ersich mit Liebe u. Erbarmen zuwenden soll. Wie radikal L. diesen Gedanken zu Ende dachte, kommt z.B.bereits im Vorspruch von "Die Wandlung" zum Ausdruck, wo es heißt: »So lange der Schrei des Viehs,das zur Schlachtbank getrieben wird, ungehört verhallt, so lange werden unsere Kinder zu weinen fortfahren, wird unserer Not kein Ende sein und die Ewigkeit uns ausstoßen.« Höhepunkt der Trilogie ist "Stumme Natur", eine Art moderner Robinsonade mit der tragischen Konsequenz einer durch die Gewissenlosigkeit der zivilisatorischen Naturausbeutung heraufbeschworenen apokalypt. Katastrophe. Erstaunlicherweise verträgt sich die im Rückblick auf 1939 fast schon prophetisch anmutende »grüne« Thematikmit dem stark lyrisch gefärbten, im Duktus gelegentlich hymnisch-rhapsod. Stil des Buchs. "In der Gewalt der Dinge", der dritte Teil, ist - wie auch der erste - nur locker mit dem Mittelteil verbunden u. verlagert die Fragestellung von der Umweltproblematik auf diejenige der Ökonomie. An einem exemplarischenFall wird aufgezeigt, wie zerstörerisch Besitz u. Geld,d.h. »die Gewalt der Dinge«, auf die Seele des Menschen wirken können. Neben dieser Trilogie schrieb L. seit 1938 an einer noch umfangreicheren, im Zei-chen der sog. »geistigen Landesverteidigung« stehenden Romanserie, die in ihrer gelungenen Verbindung von Jugend-, Heimat- u. Abenteuerbuch nicht zu Unrecht als schweizerischer »Nils Holgersson« bezeichnet wurde: "Land deiner Mutter" (4 Bde., Zürich 1946-57. In einem Bd. Bern 1970).
WEITERE WERKE: Ausgaben: Ges. Gedichte. St. Gallen 1955. - Romane, Erzählungen, Lyrik, Aphorismen. Genf 1968. - Ges. Werke in 6Bdn. Bern 1970-72. - Einzeltitel: Der Gang in dieNatur. Lpz./Zürich 1930 (E.). - Chines. Nippes.Ebd. 1931 (E.en u. Gedichte). - Der dunkle Tag.Ebd. 1933 (N.n). - Nala, das Leben einer Katze.Zürich 1942.
LITERATUR: Jean Graven: C. L. Vorw. zu Ges. Werke. Bd. 1, Bern 1971. - Fritz Leu u.a.: C.L. 1887-1981. Luzern o. J. [1981]. - Rätus Luck:C. L. Nachw. zu «Stumme Natur». Neu hg. v. Charles Linsmayer. Zürich 1982. Ffm. 1990.(Bertelsmann Literaturlexikon)
